Besuch in einem Flüchtlingslager in Irak-Kurdistan: Shefat und ihr Bruder Omar sind dem Terror des Assad-Regimes zwar entkommen, doch stellt sich ihre Situation in der nordirakischen Stadt Dohuk nach wie vor prekär dar. Eine Reportage von Birgit Svensson
Rückendeckung für das alawitische Regime in Damaskus: Der irakische Regierungschef Nuri al-Maliki unterstützt Syriens Präsident Assad mit Öl, Geld und Waffen.Allein in der Türkei sind nach offiziellen Angaben bereits rund 35.000 Syrer untergekommen. In Irak-Kurdistan, wo gerade erst der Flüchtlingsstrom beginnt, sind schon knapp 4.000 Syrer, in Jordanien sind es 11.000. Auch im Libanon dürften etliche Tausend untergekommen sein. Offizielle Zahlen gibt es von dort jedoch nicht.
Entrechtet und isoliert
"Vor allem uns Kurden geht es schlecht, wir haben keine Rechte." Shefat sagt, dass gut die Hälfte der syrischen Kurden keine Ausweise hätten. Auch sie und ihre Familie hätten keine Identitätsnachweise. Deshalb könnten sie auch nicht in andere Länder ausreisen, seien auf die Gnade von Kurdenpräsident Mazud Barzani angewiesen. Dieser hatte kürzlich verfügt, dass alle syrischen Kurden, die vor Assads Terror fliehen, im Irak aufgenommen würden. Vordem haben irakische Grenzsoldaten Flüchtlinge aus Syrien wieder zurückgeschickt.
Die Politik Iraks gegenüber Syrien ist äußerst widersprüchlich. Während die Regierung in Bagdad, allen voran Premierminister Nuri al-Maliki, Baschar al-Assad unterstützt und Öl, Geld und Waffen nach Damaskus schickt, hat sich die kurdische Regionalregierung in Erbil auf die Seite ihrer "syrischen Brüder" gestellt, die in Opposition zum Regime stehen.
Denn der Versuch Assads, die Kurden zu beruhigen, kam zu spät, als er Anfang des Jahres versprach, dass denjenigen, die noch keine Pässe hätten, die syrische Staatsbürgerschaft zuerkannt würde und sie Ausweise erhalten könnten. "Doch dies waren nur schöne Worte", klagt Shefat, "wie so oft."
Flucht in den Norden: Mehr als 35.000 Syrer sind wegen der Gewalt in ihrem Land in die benachbarte Türkei geflüchtet.Die Rebellion gegen ihn und sein Regime war auch damit nicht mehr aufzuhalten. Lange Jahre hatte das Assad-Regime die Existenz der Kurden, die die größte Minderheit in Syrien darstellen, schlichtweg geleugnet. Diejenigen, die dies nicht akzeptieren wollten, landeten im Knast oder gingen ins Exil.
Kurdische Traditionen und die Ausübung der Sprache waren offiziell verboten. Jedem Versuch, das kurdische Neujahrsfest Newroz zu feiern, wurde mit brutaler Härte durch die gefürchteten Spezialkräfte der Staatssicherheit begegnet.
Gemeinsam gegen Assad
Mittlerweile hat das Oppositionsbündnis "Syrischer Nationalrat" (SNC) einen Kurden zum neuen Vorsitzenden gewählt. Abdel Baset Seida, der in Schweden im Exil lebt, soll die zerstrittenen Gruppen und Parteien einen, um eine gemeinsame Strategie im Kampf gegen die Regierung in Damaskus zu entwickeln.
"Syrien ist mein Land, meine Heimat, meine Identität", sagt Shefat verzweifelt. Doch erst wenn Assad gestürzt sei, gäbe es für sie eine Chance zurückzukehren. Bis dahin wird sie wohl im Lager Dohuk bleiben müssen, wo inzwischen rund 5.000 Flüchtlinge angekommen sind – und täglich werden es mehr.
Ein Pick-up bringt frisches Brot und Käse. Decken und Matratzen werden ebenfalls angeliefert. "Noch kommen wir mit der Situation klar", sagt Zadula, der Verwaltungsleiter. Er habe genug Geld für die 240 Familien in dem Lager von der kurdischen Regionalregierung in Erbil bekommen. "Aber wenn die Lage in Syrien sich weiter verschlechtert und noch mehr kommen, dann wird es knapp."
Die medizinische Versorgung für Akutfälle sei gegeben, doch wenn schwerere Krankheiten auftauchen, sei er machtlos, räumt Zadula ein. Auch die Krankenhäuser in den Kurdengebieten des Irak, seien für chronische Krankheitsfälle schlecht gewappnet. Beispielsweise könnten Krebserkrankungen kaum oder nur unzulänglich behandelt werden.
Source : http://de.qantara.de/Exodus-ins-Ungewisse/19442c20635i1p498/