Liveblog: Stimmen aus Syrien – von Adopt a revolution

Article  •  Publié sur Souria Houria le 27 août 2013

Am frühen Morgen des 21. August ist es in den westlichen und östlichen Vororten von Damaskus zu Angriffen mit hunderten Todesopfern gekommen. Es verdichten sich die Hinweise, dass chemische Kampfstoffe in großem Maßstab eingesetzt wurden. UN-Chemiewaffenexperten sind in der Stadt, werden aber derzeit nicht in die betroffenen Orte vorgelassen. In unserem Liveblog verfolgen wir die Ereignisse und sammeln Stimmen von AktivistInnen aus Syrien. (Falls sich nichts an der Seite länger verändert hat, bitte versuchen, neu zu laden.)

+++ 17:30 Uhr +++

New York Times berichtet ausführlich über den Angriff von Ghouta

Die NYT berichtet aktuell ausführlich über den Angriff auf Ghouta und die politischen Folgen des Angriffs für die USA. Die Zeitung hat eine große Anzahl von Videos analysiert und auch mit mehreren AktivistInnen aus Ghouta gesprochen. Einer von ihnen, Firas aus Zamalka, meint, dass der Angriff einer ganz perfiden Strategie folgte. Das Gebiet Ghouta ist seit langem unter Kontrolle der Oppositionskräfte, die Frontlinie bewegt sich kaum. Um die lokalen Kämpfer – denn in Ghouta kämpfen keine ausländischen Kämpfer – von ihren Stellungen wegzulocken, habe man ihre Familien angegriffen. Mit dem massiven Angriff vom Mittwoch habe der Widerstand in Ghouta gebrochen werden sollen.

+++ 17:00 Uhr +++

PYD-Vorsitzender gibt Einschätzung zu Chemiewaffenangriff ab – zu Assads Gunsten

Wie Reuters berichtet, bezeichnet der Vorsitzende der kurdischen Partei PYD, Saleh Muslim, einen Chemiewaffeneinsatz durch Assad als abwegig. Assad wäre nicht so dumm, Chemiewaffen so nahe bei Damaskus einzusetzen, v.a. wenn er sich wie aktuell ohnehin militärisch in der stärkeren Position sehe. Laut Muslim solle die Attacke Assad in die Schuhe geschoben werden und eine internationale Reaktion in Syrien heraufbeschwören. Salih Muslim bezichtigt nicht direkt die Opposition, den Angriff verübt zu haben. Seine Wortwahl könnte jedoch in dieser Hinsicht gedeutet werden.

+++ 16:30 Uhr +++

Angespannte Sicherheitslage in Hassakeh

Ein Aktivist aus Hassakeh im Nordosten das Landes hat im Gespräch mit AaR von einer stark angespannten Sicherheitslage berichtet. Im Umland gibt es heftige Auseinandersetzungen zwischen der YPG (dem bewaffneten Arm der PYD) und islamistischen Kämpfern. Aufgrund der regionalen Kämpfe und der allgemeinen Verschärfung der Sicherheitslage rechnet der Aktivist in den kommenden Tagen mit einer größeren Flüchtlingswelle. Jedoch sind bereits viele Binnenflüchtlinge weiter in den kurdischen Nordirak geflohen. Zu einer großen Flüchtlingswelle aus Damaskus Richtung Hassakeh ist es bislang nicht gekommen. Die meisten Menschen, die aus Damaskus nach Hassakeh fliehen, sind Rückkehrer – aufgrund der harschen wirtschaftlichen Lage hatten sich vor Jahren viele Menschen in die Hauptstadt aufgemacht. Die AktivistInnen arbeiten besonders vorsichtig, um sich vor Festnahmen zu schützen. Dass es in Ghouta zu einem Angriff mit Chemiewaffen kam, bezweifelt der Aktivist nicht.

+++ 14:50 Uhr +++

Verzögerung der UN-Experten liegt nicht an Opposition

Ein Aktivist aus den östlichen Vorstädten berichtet, dass sich die bewaffneten Aufständischen heftig von den Vorwürfen des syrischen Außenministers distanziert, die weitere Verzögerung des Besuchs der UN-Experten im Osten der Hauptstadt liege an der Opposition. Die Bewaffneten sicherten noch einmal die Sicherheit der UN-Chemiewaffenexperten zu.

+++ 13:10 Uhr +++

Aktivisten erfreut über UN-Besuch

Ein Aktivist aus Moadamieh berichtet, dass sie sich trotz der Zwischenfälle freuen, dass die UN-Chemiewaffenexperten gestern in ihrer Vorstadt waren. “Wir dachten, die zehn Kilometer aus dem Zentrum von Damaskus zu uns, das sind die längsten der Welt. Aber trotz des Zwischenfalls haben es die Inspektoren hierher geschafft. Wir hoffen, dass sie jetzt den Einsatz von Chemiewaffen nachweisen können!”

+++ 10:30 Uhr +++

Lens Young Dimashqi zeigt Foto aus Ain Tarma

Das Fotokollektiv “Lens Young Dimashqi” (dt. “Linse eines jungen Damaszeners”) hat heute ein Foto aus Ain Tarma veröffentlicht, vermutlich aufgenommen in einer Untergrundklinik. Das Bild zeigt eine Szene von vergangenem Mittwoch, als im Ort infolge des Angriffs hunderte Verletzte zu versorgen waren. Man sieht, dass die Opfer mit Wasser behandelt wurden. Ein Mädchen starrt ins Weite, hinter ihr liegen Verletzte und Tote. “Lens Young Dimashqi” schließt an das Bild die Aufforderung an: “Schaut nicht weg, sagt etwas!”

Verletzte werden nach dem Angriff in Ain Tarma versorgt. Verletzte werden nach dem Angriff in Ain Tarma versorgt.

+++ 10:00 Uhr +++

Stummer Protest auch im südsyrischen Suwayda

AktivistInnen haben in der syrischen Provinzhauptstadt Suwayda, südlich von Damaskus gelegen, einen stummen Protest abgehalten. Dies soll zugleich Solidarität mit den Opfern und eine Verurteilung des Regimeangriffs auf Ghouta zum Ausdruck bringen. Die Provinz Suwayda ist wenig von Kämpfen betroffen und gilt daher als sicher. In Suwayda leben hauptsächlich Drusen, eine der vielen Minderheiten Syriens. Obwohl diese oft als regimenah gelten, kommt es durchaus zu anti-Regime-Demonstrationen in Suwayda. Das Regime bemüht sich allerdings, die Minderheiten an sich zu binden – in Suwayda ebenso wie im Rest von Syrien.

+++ 1:30 Uhr +++

Moadamieh kommt nach dem Besuch der UN-Experten nicht zur ruhe

Über das Aktivisten-Netzwerk der LCC erfahren wir, dass Moadamieh, der Ort, der heute von den UN-Chemiewaffenexperten im zweiten Anlauf besucht wurde, in der Nacht heftig bombardiert wird. Die Experten waren beim ersten Versuch, in den Vorort zu gelangen, von Heckenschützen beschossen worden. AktivistInnen machen eine Assad-treue Bürgermiliz für den Angriff auf die UN-Experten verantwortlich. Im zweiten Anlauf konnten zwei von sieben Einschlagsorten von Raketen untersucht werden, die mutmaßlich am Mittwoch chemische Kampfstoffe freigesetzt haben. Die UN-Mitarbeiter nahmen Proben und besuchten auch eine Moschee, in der Verletzte vom Angriff untergebracht sind.

+++ 20:10 Uhr +++

Furcht in alawitischen Dörfern in Latakia

Ein junger Oppositioneller aus der Provinz Latakia berichtet von der wachsenden Angst unter Alawiten. Es sind weniger die einzelnen Drohungen von radikalen Islamisten, die ihn und seine Familie fürchten lassen; vielmehr nehmen sie seit Beginn des Aufstands gegen die Assad-Diktatur war, dass das Regime versucht, die religiösen Minderheiten an sich zu binden, indem es eine ethnische und konfessionelle Trennung herbeiredet. Trotzdem glaubt er, dass die Anschläge vom letzten Mittwoch einen Wendepunkt darstellen und es ein deutliches Vorher und ein Hinterher geben wird.

+++ 19:20 Uhr +++

Unterstützen Sie die Arbeit der Komitees in Syrien

Die Informationen für diesen Liveblog erhalten wir zum größten Teil von AktivistInnen aus den zivilen Komitees in Syrien. Sie arbeiten trotz der militärischen Eskalation weiter mit zivilen Mitteln daran, eine syrische Zivilgesellschaft aufzubauen und über die Ereignisse vor Ort zu informieren. Unterstützen Sie die Arbeit der Komitees!

Jetzt Komitees unterstützen!

+++ 19:00 Uhr +++

Bereits über 100 Tote am heutigen Montag in Syrien

Nach einem aktuellen Zwischenstand unseres Partners, dem Aktivisten-Netzwerk der Lokalen Koordinationskomitees LCC, sind in Syrien bis 19 Uhr mindestens 104 Menschen bei gewaltsamen Auseinandersetzungen ums Leben gekommen. Alleine 50 davon wurden in der Provinz Idlib getötet und die Mehrheit davon wiederum in der Stadt Ariha, die intensiv von Regime-Truppen bombardiert wurde. Aber auch in Damaskus und den Vorstädten wurden 18 Menschen getötet.

+++ 17:40 Uhr +++

Angst vor unberechenbarem Assad-Regime

Auch in anderen Landesteilen fürchten sich die Menschen vor dem, was als nächstes passiert. Ein Aktivist aus Daraa im Süden Syriens erzählt, dass sie nach dem mutmaßlichen Chemiewaffenangriff vom letzten Mittwoch nicht glauben, dass das Regime noch irgendwelche Hemmungen vor irgendetwas hat. Zwar ist die Lage dort nach wie vor unverändert – die humanitäre Lage ist extrem angespannt, die Angriffe durch die Armee halten an – doch die Menschen haben mehr Angst. Seiner Einschätzung nach müssten sich jetzt eigentlich die Staaten alle dafür einsetzen, dass Russland und Iran keine Waffen mehr an das Assad-Regime schicken – doch daran glaubt er nicht, denn der Westen hat sich in den letzten zweieinhalb Jahren noch nie richtig engagiert gezeigt in Syrien.

+++ 14:30 Uhr +++

UN-Team ist in Mouadamiya: Live-Stream verfügbar

Offensichtlich sind die UN-Inspektoren nach allen Querelen in Mouadamiya angekommen. Man kann sogar per Livestream den Besuch des UN-Teams beobachten. Hoffentlich kann die Untersuchung nun planmäßig ablaufen. Der Örtlichkeit nach zu urteilen, sind die UN-Mitarbeiter aktuell in einer Untergrundklinik zu Besuch – und hoffentlich nicht in Begleitung von Regierungsmitarbeitern.

+++ 14:00 Uhr +++

Erklärung des vereinigten revolutionären medizinischen Büros, Ost-Ghouta

In einer Pressekonferenz hat das medizinische Büro Ost-Ghoutas heute einige Eckdaten zum Angriff vom Mittwoch erläutert. Der Angriff erfolgte gegen 2 Uhr morgens, besonders Ain Tarma und Zamalka waren betroffen. Der Arzt geht auch auf die Symptome der Patienten ein – wie auch von “Ärzte ohne Grenzen” geschildert, handelt es sich u.a. um Störungen des Bewegungsapparates und der Atmung. Binnen sechs Stunden gab es mehr als 10.000 Verletzte, davon mehr als 30% Schwerverletzte. Der Angriff forderte 1.466 Tote. Der Arzt weist besonders darauf hin, dass ca. 60% der Verletzten Frauen und Kinder sind. Auch unter den medizinischen Helfern gab es Tote und Verletzte. Das Büro fordert verantwortliches Handeln der Weltgemeinschaft, unverzügliche Ermittlungen des UN-Teams sowie unverzügliche medizinische & humanitäre Hilfe von internationalen Organisationen für Ghouta.

+++ 13:30 Uhr +++

UN Inspekteure brauchen neues Auto

Ein Aktivist aus Moadamieh berichtet, dass ein Fahrzeug der UN-Inspekteure beschädigt wurde als ein Heckenschütze auf sie geschossen hat. Bevor sie einen neuen Anlauf in einem der anderen betroffenen Vororte machen können, brauchen sie jetzt ein neues Auto. Er geht davon aus, dass es eine pro-Regime-Bürgerwehr war, die auf die Inspekteure geschossen hat – eine Befürchtung, die schon gestern von zahlreichen AktivistInnen geäußert wurde.

+++ 12:30 Uhr +++

Ein Aktivist aus Douma berichtet über grassierende Angst in der Stadt

Ein Aktivist aus Douma – dieser Ort war selbst nicht vom Chemiewaffenangriff betroffen – berichtet, dass er seit Mittwoch erkrankt ist. Die Ärzte wissen nicht, ob es daran liegt, dass er den Chemiewaffen ausgesetzt war. Der Aktivist war am Mittwoch in dem stark betroffenen Ort Ain Tarma, in einem Radius von ca. 300 Metern seien alle verstorben: Tiere und Menschen. Allein dort habe es um die 300 Tote gegeben. Seit dem Chemiewaffenangriff bombardiere das Regime ganz Ost-Ghouta massiv. Auch die Menschen in Douma sind extrem verängstigt und fassungslos, Angst vor einem ähnlichen Angriff wie in Ghouta geht um. Die Menschen sind sehr enttäuscht, dass keiner den SyrerInnen hilft und beisteht. Gegenüber der möglichen Gefahr durch Chemiewaffen fühlen sich die Einwohner Doumas hilflos, auch wenn sie versuchen, selbst Gasmasken herzustellen. Familien schlafen nicht mehr zur gleichen Zeit, immer bleibt jemand wach, um im Falle eines Angriffs die anderen zu warnen. Am Mittwoch waren ganze Familien im Schlaf dem Angriff zu Opfer gefallen. Viele Anwohner versuchen nun, Douma in Richtung ruhigerer Gebiete zu verlassen. An den Checkpoints werden die Menschen dabei äußerst schlecht behandelt.

+++ 12:00 Uhr +++

UN-Team in Mouadamiya beschossen – Besuch gescheitert?

Der Aktivist aus Erbin berichtet weiter, dass das UN-Team im Damaszener Vorort Mouadamiya (westliches Ghouta) beschossen wurde. Daher hätten die Inspektoren den Ort gar nicht erst betreten können, Mouadamiya sollte heute die erste von zwei Stationen des Teams sein. Die Schüsse sollen von einem Checkpoint des berüchtigten Luftwaffengeheimdienstes und den pro-Assad-Volksmilizen abgefeuert worden sein. Die Erlaubnis der syrischen Regierung für eine Untersuchung ist natürlich wertlos, wenn Regimekräfte vor Ort das UN-Team beschießen… ob es noch zu einem Besuch in Mouadamiya kommt oder ob nun die ganze Mission für heute abgebrochen wird, bleibt abzuwarten.

+++ 11:50 Uhr +++

“Waffenstillstand” auf syrisch

Das Regime hatte für die Dauer des UN-Besuchs in Ghouta für diese Gebiete an sich großspurig einen Waffenstillstand angekündigt. Was das Regime unter “Waffenstillstand” versteht, ist erstaunlich. Ein Aktivist aus Erbin meldet uns, dass Kampfjets heute just den Einschlagsort vom Mittwoch in Zamalka bombardiert haben. Auch in Erbin kam es zu Angriffen. Ob das Regime damit explizit Beweise vernichten oder die Bewohner einschüchtern möchte, bleibt offen.

+++ 11:20 Uhr +++

Tägliche Bilanz über Opfer und Angriffe in Syrien, Sonntag 25.08.

Das AktivistInnen-Netzwerk der LCCs hat am gestrigen Sonntag 80 Tote in ganz Syrien registriert, 17 der Opfer waren Frauen und Kinder. Unter Folter starben 4 Menschen. Der Großteil der Opfer ist in Idlib und dem Großraum Damaskus zu verzeichnen. An 537 (!) Orten im Land kam es zu Beschuss durch die Regierungsarmee – allein an 64 Orten gab es Luftschläge durch Kampfflugzeuge. Der Ort Ariha in Idlib wurde allein 26-mal von Luftschlägen erschüttert. Bombardierung gab es aber auch durch explosive Fässer, Boden-zu-Boden-Raketen, eine SCUD-Rakete, Mörser, Artillerie und Granaten. Der ganz normale “Alltag” in Syrien…

+++ 11:00 Uhr +++

AktivistInnen in Ghouta: Zwischen Warten, Angst und Hoffen

Für heute werden in Ghouta die UN-Chemiewaffeninspektoren erwartet. Nicht zuletzt die Ärzte und AktivistInnen warten darauf, dass die gravierenden Vorfälle vom Mittwoch untersucht werden. Tagelang hatten die AktivistInnen vergeblich um einen Besuch des UN-Teams gebeten – von daher herrscht Aufregung und Hoffnung auf eine Untersuchung durch Experten. Die AktivistInnen sind aber ängstlich, dass das Regime die UN-Mitarbeiter in andere Gebiete als Ghouta “umleitet” – solche Finten hat das syrische Regime gegenüber den Beobachtern der UN & AL häufiger geschlagen. Was aber die größte Angst ist: Dass das UN-Team in Begleitung von Regimekräften ist – und dem Regime so die Orte der geheimen Untergrundkliniken preisgegeben werden. Da medizinisches Personal und Verletzte durch die Regierungskräfte systematisch verfolgt werden, sind diese Untergrundkrankenhäuser die letzte Option, medizinische Hilfe zu leisten!

+++ 10:40 Uhr +++

UN-Chemiewaffeninspektoren sollen nach Ghouta aufgebrochen sein

Wie uns AktivistInnen berichten, soll das UN-Chemiewaffenteam aus dem Hotel im Zentrum von Damaskus aufgebrochen sein, um die am Mittwoch schwer angegriffenen Viertel rund um Damaskus zu inspizieren. Sie sollen dort untersuchen, ob es tatsächlich zu einem Angriff mit Nervengas oder anderen international untersagten Kampfstoffen gekommen ist. Bis heute hatte das Team keine Erlaubnis der Regierung erhalten, diese Gebiete aufzusuchen. Angeblich hat das Regime für Ghouta einen Waffenstillstand zugesagt. Ab 12:15 Uhr (Ortszeit Damaskus, MESZ+1) sollen die Inspektoren in Mouadamiya im Westen von Damaskus zugegen sein, anschließend nach Zamalka weiterfahren. In Zamalka gab es mit mehreren hundert Toten die meisten Opfer. Man darf gespannt sein, was der heutige Tag ergibt.

+++ 26. August, 8:00 Uhr +++

Aufruf der Hilfsorganisationen des Camp Yarmouk

Die Bevölkerung von Camp Yarmouk, einem Lager für palästinensische Flüchtlinge im Süden der syrischen Hauptstadt Damaskus, leidet unter der erdrückenden Blockade. Zivilisten, die das Lager verlassen wollen, um sich und ihre Kinder mit Lebensmitteln zu versorgen, sind seit Beginn des Jahres 2013 in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt. Seit Anfang Juli wurde die Blockade sogar noch weiter intensiviert und das Lager vollkommen abgeschlossen. Zivilisten werden am Betreten und Verlassen des Lagers gehindert, es ist ihnen untersagt, sich dem Checkpoint am Eingang des Lagers zu nähern. Seit fünf Monaten gibt es keinen Strom, und das Lager wird verstärkt bombardiert. Dies hat zu ersten Anzeichen einer humanitären Katastrophe geführt. Hilfsorganisationen des Camps fordern die sofortige Aufhebung der Blockade.

+++ 23:30 Uhr +++

Luftfracht für die Assad-Truppen

Täglich fünf bis sechs Frachtmaschinen zählt ein Aktivist, der in der Nähe des Flughafens von Damaskus lebt jeden Tag. Er ist sich sicher, dass sie Nachschub an Waffen und Munition für die Truppen des Assad-Regimes liefern und aus dem Iran oder Russland kommen. Es könnten also täglich 300 Tonnen neue Waffen sein, rechnet er vor, mit dem die Armee gegen die bewaffneten Aufständischen und die Zivilbevölkerung vorgeht. “Solange diese Unterstützung bestehen bleibt, wird das Regime nicht zusammenbrechen”, ist er sich sicher.

+++ 20:30 Uhr +++

Preise für Zwiebeln und Knoblauch haben sich verzehnfacht

In den abgeriegelten Vororten von Damaskus sind die Preise für Zwiebeln und Knoblauch in die Höhe geschossen. Opfer des Anschlags vom Mittwoch wurden und werden in Ermangelung anderer Medikamente damit behandelt, um die Atemwege freizuhalten. “Ein Kilo Zwiebeln war für umgerechnet rund 20 bis 30 Cent zu bekommen, jetzt kostet es 3 Euro”, berichtet ein Aktivist vom Komitee in Erbin.

+++ 17:40 Uhr +++

Aufregung vor Besuch der UN-Chemiewaffenexperten

Aus Erbin berichtet ein Aktivist, dass sie diese Nacht wohl nicht werden schlafen können. Zwar gibt es auch weiterhin die Furcht vor einem Angriff mit Giftgas. Aber insbesondere, seit die UN-Chemiewaffenexperten angekündigt haben, möglicherweise schon morgen in die östlichen Vororte von Damaskus zu fahren, ist die Aufregung groß. Sie hoffen, dass die UN-Experten werden nachweisen können, dass Chemiewaffen eingesetzt wurden.

+++ 15:30 Uhr +++

AktivistInnen versuchen selbst Atropin herzustellen

Ein Apotheker in den Vorstädten von Damaskus erzählt, dass sie versuchen, jetzt selbst Atropin herzustellen. Das Medikament ist eins der wenigen, das bei spastischen Reaktionen und Krämpfen eingesetzt werden kann und als Gegengift bei Nervengasen gegeben wird. Die geringen Vorräte, die es in den betroffenen Gebieten gab, wurden am Mittwoch morgen in kürzester Zeit aufgebraucht, Lieferungen von außen sind wegen der Blockade durch das Assad-Regime weiter nicht möglich. Selbst dem roten Kreuz wird der Zugang zu den Vororten von Damaskus verweigert.
Gewonnen werden soll Atropin aus der Schwarzen Tollkirsche, die in Syrien als Zierpflanze gezogen wird. Der Apotheker hofft, dass sie eine möglichst hohe Konzentration von Atropin in einem Tee erzeugen können, um wenigstens leichte und mittlere Verletzungen aufgrund chemischer Vergiftungen behandeln zu können.

+++ 14:10 Uhr +++

Suche nach Soforthilfe-Projekten – jetzt unterstützen

Gerade diskutieren wir intensiv mit unseren Partnern in den Vorstädten von Damaskus, mit welchen Soforthilfemaßnahmen wir die Arbeit der zivilen Gruppen in den betroffenen Gebieten unterstützen können. Noch sind verschiedene Optionen im Gespräch und die Recherchen laufen. Wir werden auf jeden Fall in den nächsten Tagen mit einem konkreten Projekt starten und werden dafür auf finanzielle Unterstützen angewiesen sein. Spenden Sie schon jetzt für unser Soforthilfeprogramm!

Jetzt Komitees unterstützen!

+++ 13:30 Uhr +++

Augenzeugenbericht eines Helfers aus Zamalka

Aus Zamalka, dem Ort mit den meisten Todesopfern in der Ost-Ghouta, schildert der Aktivist Abo Mohammad seine Erlebnisse des letzten Mittwochs. Abo Mohammad gehörte zu den ersten Helfern.

“Wir schliefen nicht in dieser Nacht. Notrufe. Hilferufe. Warnungen: ‘Bedeckt  Mund und Nase!’ Mehr als vier Stunden lang haben wir Verletzte von den Krankenwagen ins Lazarett getragen und Tote aus dem Lazarett nach außen! Manchmal konnte man keinen weiteren Schritt machen, nicht vor Ermüdung, sondern weil man kaum einen Platz für seinen Fuß fand, da der Boden mit menschlichen Körpern übersät war.
Viele zitterten, einige übergaben sich, Kinder heulten und andere waren bewegungslos! Viele waren halbnackt; so viele Körper! Ich dachte : ‘Ist das das jüngste Gericht?!’ Immer wieder kamen neue Verletzte hinzu, und noch welche.
Irgendwann hat sich in mir kaum noch etwas bewegt;  wir haben einfach weiter gearbeitet… Körper reintragen, Körper raustragen… Wir haben aufgehört zu zählen. Sind unsere Herzen hart geworden? Oder ist das Gottes Gnade, dass wir kaum noch Gefühle spürten, dass wir einfach mechanisch geworden sind ?
Einmal nur habe ich geweint; als mich ein Arzt bat, ein totes Kind zu den anderen ‘Märtyrern’ zu tragen! Er sagte: ‘Bitte zu den anderen Märtyrern!’
Ich dachte: ‘Es ist -war ein kleines Kind – Kinder sind Hoffnung- keine Märtyrer!’ Da lief mir eine Träne runter. Ich trug es raus zu den anderen Märtyrern und ging wieder rein. Ich spürte erneut kaum noch etwas in mir. Wir haben weiter gearbeitet, einfach weiter gearbeitet…”

+++ 13:00 Uhr +++

Solidarität aus Istanbul und Lyon

Gestern haben sich auch in der türkischen Metropole Istanbul Menschen für einen Protest anlässlich des Angriffs auf Ghouta zusammengefunden. Wie bei vielen anderen Solidaritätsdemos in der Region, aber auch Europa, trugen die Demonstranten gelbe Luftballons, um auf den chemischen Angriff aufmerksam zu machen. In Lyon beteiligte sich auch eine Bezirksbürgermeisterin am Protest für Syrien, sogar die lokale Amtsflagge wurde für die Opfer von Ghouta auf Halbmast gesetzt.

+++ 07:30 +++

Wie nah sind die UN-Chemiewaffenexperten dran?

Ein Arzt aus Moadamieh berichtet, dass viele Menschen versuchen, Kontakt zu den UN-Chemiewaffenexperten aufzunehmen, um sie in die am schwersten betroffenen Orte zu bitten. Die antworten jedoch, keine Bewegungsfreiheit zu haben.
Die UN-Mitarbeiter sind in einem Hotel im Zentrum der Stadt untergebracht, die betroffenen Vororte sind nahe. Wie nahe, das zeigt eine Grafik des niederländischen Adopt a Revolution-Projekts.

Nahe UN-BeobachterDie Karte zeigt, wie nah das Hotel der UN-Chemiewaffenexperten in Damaskus an den Vororten liegt, an denen die chemischen Reaktionen am frühen Mittwoch Morgen stattfanden. Grafik: AaR NL

+++ 25. August, 00:30 +++

Warnungen und Befürchtungen in Camp Yarmouk

Im vornehmlich von PalästinenserInnen bewohnten Camp Yarmouk südlich des Zentrums von Damaskus geht die Angst um. Die Einheiten des Regimes haben sich am Rand des Viertels zurückgezogen und den Bewaffneten ein Ultimatum gestellt, sich zu ergeben. Eine Aktivistin erzählt, viele Menschen deuten das als Drohung und fürchten den Einsatz chemischer Kampfstoffe.

+++ 21:30 +++

Ärzte ohne Grenzen nennt hohe Opferzahlen in Damaskus

Die Hilfsorganisation “Ärzte ohne Grenzen” hat am heutigen Samstag eine vorläufige Bilanz der Opferzahlen gezogen (tagesschau). Die Organisation arbeitet seit 2012 mit drei Krankenhäusern im Großraum Damaskus zusammen. Dort wurden am Mittwoch 3.600 Patienten mit “neurotoxischen Symptomen” eingeliefert, mittlerweile sind 355 der Betroffenen verstorben. Bei den Patienten seien Symptome wie Krämpfe, vermehrter Speichelfluss, extrem verengte Pupillen und schwere Atemprobleme aufgetreten. Alles deute auf den Einsatz von Nervengift hin, auch wenn noch nichts wissenschaftlich bewiesen wurde. Ärzte und AktivistInnen aus Ghouta haben zuvor bereits die gleichen Symptome geschildert.

+++ 17:00 Uhr +++

Regionale Solidaritätsbekundungen für Ghouta

In palästinensischen Ramallah haben BürgerInnen am Donnerstag eine kleine Kundgebung für die Opfer von Ghouta abgehalten. In Antakya in der südlichen Türkei haben AktivistInnen einen stillen Protest abgehalten. Dabei wurden auch gelbe Luftballons über dem Orontes hochgelassen.

+++  16:30 Uhr +++

Das syrische Staatsfernsehen präsentiert “Beweise” für Chemiewaffeneinsatz der Opposition

Dieses Standbild des syrischen Fernsehens soll angeblich Behälter mit Chemiewaffen zeigen. Die syrischen Regierungskräfte wollen diese Behälter in Jobar, einem Vorort von Damaskus, beschlagnahmt haben. Aus Jobar sollen die “Terroristen” die Region mit Chemiewaffen angegriffen haben. Bislang verweigert die Regierung allerdings den Chemiewaffenkontrolleuren der UN jegliche Untersuchung der Vorfälle vom Mittwoch – obwohl die betroffenen Gebiete nur wenige Kilometer entfernt vom Zentrum von Damaskus liegen. Auch von Hilfsleistungen von staatlichen Organisationen und Stellen für Ghouta ist bislang noch nichts bekannt. Ganz im Gegenteil: Aktivisten und Mediziner aus Ghouta haben uns gestern erzählt, dass der rote Halbmond an Hilfsfahrten Richtung Ghouta durch das Regime gehindert wird. Die Empathie des Staates mit seinen Bürgern ist wie üblich bei null.

+++ 14:50 Uhr +++

Künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Chemiewaffen

Wir wollen keine Chemiewaffen! Werk von Nour Altobh, Syrien. Wir wollen keine Chemiewaffen! Werk von Nour Altobh, Syrien.

Auch die syrischen KünstlerInnen lassen die Angriffe auf Ghouta nicht kalt. Auf der Facebookseite Syrian Revolution Arts drehen sich die Beiträge seit Tagen um das Thema Chemiewaffen. Das folgende Werk des Künstlers Nour Altobh besagt: “Wir wollen keine Chemiewaffen!”

+++ 14:30 Uhr +++

Ein Aktivist aus Jobar berichtet

“Ich dachte, ich würde mich neben die toten Kinder legen und sterben”, berichtet ein junger Aktivist aus Jobar. Er war noch wach, als die Raketen einschlugen, und er hat mit seinem Team schnell gewusst, dass es sich um chemische Kampfstoffe handeln musste, die dort heruntergekommen sind. In Jobar haben sie damit schon vorher Erfahrung gemacht, sagt er. Also haben sie sich mit Gasmasken ausgerüstet, bevor sie losgezogen sind. Etwa 50 Menschen hat er geborgen, bevor ihm selbst schlecht wurde. Das Schlimme war, dass alle Menschen so aussahen, als würden sie schlafen. Ganze Familien, alle schliefen, wachten aber nicht mehr auf, wenn sie berührt wurden. Sie hatten Schaum vor dem Mund. Normalerweise erzählt er nicht, dass er Alawit ist – aber jetzt findet er es wichtig zu zeigen, dass hier nicht verschiedene Konfessionen gegeneinander kämpfen, sondern noch immer das Assad-Regime gegen sein Volk.

+++ 13:40 Uhr +++

AktivistInnen in Damaskus fordern Hilfe und Solidarität für Ghouta

Angesichts der gravierenden Angriffe auf die Damaszener Vorstädte haben AktivistInnen der UFSS in Damaskus Tausende von Flugblättern erstellt und in zentralen Vierteln der Hauptstadt ausgelegt. Hier wird wieder einmal ersichtlich, dass auch Frauen in der Revolution tätig sind. In den Flyern werden die Menschen aufgefordert, Hilfslieferungen für Ghouta bereitzustellen. Außerdem sollen die Menschen sensibilisiert werden, dass die Ereignisse in Ghouta keine Lappalie darstellen. So heißt es z.B. “Nur ein bisschen Gas, aber sonst ist alles gut” – in Anspielung auf die “Nichts ist los”-Mentalität mancher Hauptstädter. Auch wird gewarnt: “Heute 1.500 Tote in Ghouta, bald 15.000 Tote in Damaskus?”.  Die AktivistInnen erinnern auch daran, dass viele der Opfer Kinder waren. Zudem rufen die AktivistInnen zum Generalstreik auf. Solche Flyeraktionen sind im Zentrum von Damaskus selten geworden, da die Sicherheitskräfte nahezu omnipräsent sind. Trortzdem wollen die AktivistInnen angesichts der Ereignisse in Ghouta nicht schweigen und die Menschen in der Hauptstadt aufrütteln.

+++ 13:00 Uhr +++

Netzwerk der UFFS ruft Kampagne für Ghouta aus

Unser syrisches Partnernetzwerk UFFS (Union Freier Syrischer StudentInnen) hat angesichts des Angriffs auf Ghouta die Kampagne “For Algotatain” ausgerufen. “Algotatain” steht für das östliche und westliche Ghouta. Die Kampagne soll sowohl in Syrien als auch im Ausland durchgeführt werden. Mit Spenden sollen für Ghouta und andere gefährdete Gebiete Schutzmasken angeschafft werden. Die UFFS Damaskus will Medizin wie Atropin nach Ghouta liefern, mit der Opfer von Gasangriffen behandelt werden können. Zur Vorbereitung auf künftige Attacken sollen AktivisInnen sowohl in der Herstellung von Schutzmasken geschult werden als auch Informationen erhalten, was im Falle eines solchen chemischen Angriffs zu tun ist. Am Mittwoch wurden schließlich viele Menschen Opfer, weil sie in Kellern vom Gas heimgesucht wurden. In Syrien fordert die UFFS zu Protesten auf, AktivistInnen im Ausland sollen auf die Situation in Syrien aufmerksam machen.

+++ 12: 40 Uhr +++

Abendprotest in Salamiyya

AktivistInnen in der Stadt Salamiyya, unweit der Großstädte Homs und Hama gelegen, sind gestern Abend zu einem Protest zusammengekommen. Auch sie haben das Massaker in der Damaszener Ghouta verurteilt und ihre Solidarität mit den Opfern zum Ausdruck gebracht. Salamiyya ist immer noch vom syrischen Regime kontrolliert, daher bergen Proteste ein gewisse Risiko für die AktivistInnen.

+++ 12:20 Uhr +++

124 Demonstrationen am gestrigen Freitag

Landesweit kam es gestern in Syrien zu 124 Demonstrationen, die alle den Opfern von Ghouta gewidmet waren. Besonders auffallend ist, dass allein 30 Demonstrationen auf Damaskus und das Umland entfallen – also in direkter Nachbarschaft zu den betroffenen Gebieten liegen. Die Proteste standen unter dem Motto: “Bashar al-Assad beschießt Zivilisten mit Chemiewaffen – und die Welt schaut zu.” Auf den Demonstrationen wurden Forderungen nach internationalen Untersuchungen des Vorfalls in Ghouta laut. In Aleppo und Deir ez-Zor kam es ebenfalls zu vielen Demonstrationen.

+++ 11:50 Uhr +++

Die alltägliche Bilanz des Schreckens

Das AktivistInnen-Netzwerk LCC hat für den gestrigen Freitag 86 Todesfälle verzeichnet, darunter 28 Frauen und Kinder. Die meisten Opfer gab es gestern in Damaskus samt Umland, dem Raum Idlib sowie dem südlichen Daraa. Zwar gibt es keine Berichte über Angriffe mit Chemiewaffen – jedoch kam es an 526 verschiedenen Orten zu Beschuss durch Mörser, Raketen und Artillerie. Allein an 54 Orten gab es Angriffe durch Kampfflugzeuge, u.a. auch in der östlichen Ghouta, in der die Menschen immer noch unter Schock sind.

+++ 11:30 Uhr +++

Die Suche nach Angehörigen: zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Neben der Beerdigung ganzer Familien hat sich Razan Zeitouneh, Sprecherin der LCCs, in Ghouta noch ein weiteres Bild geboten. Angehörige, oftmals selbst beim Angriff Verwundete, machen sich in die einzelnen medizinischen Einrichtungen und provisorischen Leichenhallen von ganz Ghouta auf. Sie suchen ihre  Liebsten; sind erschüttert, wenn sie die Angehörigen unter den Toten oder auf den Verstorbenenlisten finden. Noch größer ist jedoch der Schock, wenn sie die Angehörigen nirgends finden können. Razan Zeitouneh selbst fühlt sich vom Ausmaß der Toten und deren Anblick nur noch betäubt.

+ + + 3:00 Uhr + + +

Begräbnisse von ganzen Familien

Razan Zeitouneh, Sprecherin des Aktivistennetzwerks LCC, berichtet, wie sie selbst Beerdigungen in Zamalka erlebt hat. Obwohl der Beschuss auch ganz in der Nähe weiterging, haben sich die Angehörigen der Opfer nicht darum gekümmert, sondern haben einfach weitergemacht mit den Begräbnissen. Besonders hat sie bewegt, wenn ganze Familien gemeinsam beerdigt wurden – Mutter, Vater und alle ihre Kinder dazu.

+ + + 24. August, 0:30 Uhr + + +

Eindruck der Arbeit von Adopt a Revolution

Wer sich einen Eindruck von der Arbeit von Adopt a Revolution machen möchte, kann sich diesen Beitrag in den Tagesthemen anschauen (ab Minute 2:50). Wer unsere Arbeit unterstützen möchte, spendet am besten für eins der betroffenen Bürgerkomitees in Syrien, wobei wir uns auch über Spenden direkt für unsere Arbeit freuen. Herzlichen Dank für jede Unterstützung!

+++ 22:30 Uhr +++

Zahlreiche Demonstrationen in ganz Syrien

Das Aktivisten-Netzwerk LCC zählt heute so viele Demonstrationen wie schon lange nicht mehr. Zwar ist die Sicherheitslage fast überall in Syrien sehr angespannt und genaue Zahlen stehen noch nicht fest, aber schon im Lauf des Nachmittags wurde von vielen Orten über die Demonstrationen berichtet, an denen schon lange keine Aktionen mehr stattgefunden hatten. An den meisten Orten forderten die Menschen auf den Straßen eine unabhängige Untersuchung der Anschläge vom Mittwoch, viele vermuteten jedoch die Verantwortung beim Assad-Regime.

+++ 22:00 Uhr +++

Weitere kurdische Erfahrungen

Der Sprecher eines syrisch-kurdischen Aktivisten-Netzwerks erklärt, warum die Menschen im kurdisch geprägten Nordosten des Landes wenig über die mutmaßlichen Giftgas-Einsätze im Umland von Damaskus sprechen. In der Region kommt es derzeit zu intensiven militärischen Auseinandersetzungen zwischen kurdischen und radikalislamistischen KämpferInnen. In der Stadt Ras al-Ayn (kurdisch: Sere Kaniye) an der Grenze zur Türkei wurde intensiv gekämpft. Außerdem gab es Angriffe mit Kampfhubschraubern des Regimes in der Region. Die Menschen sind solidarisch, stecken aber auch selbst in einer äußerst komplizierten Lage, seit Dschihadisten versuchen, in die mehrheitlich kurdisch bewohnten Gebiete vorzudringen.

+++ 19:50 Uhr +++

Eindrücke aus Amuda, Nordsyrien

Wir haben auch mit einem kurdischen Aktivisten aus Amuda gesprochen. Er fühlt sich angesichts des Geschehens in den Damaszener Vororten an Halabja erinnert, als einst in den kurdischen Gebieten des Irak Dörfer mit Chemiewaffen attackiert wurden. Der Aktivist zeigt sich schockiert, sieht aber die Vorfälle vom Mittwoch nur als eine weitere Eskalation des Regimes gegenüber der Bevölkerung Syriens. Reaktionen der Weltgemeinschaft erwartet der Aktivist nicht. Der Einsatz von Chemiewaffen sei auch eine Nachricht des Regimes an den Westen und Israel, unter dem Motto: “Schaut her, wir haben Chemiewaffen, und wir setzen sie auch ein!”

Die Sicherheits- und Versorgungslage in Amuda ist derzeit angespannt. Laut dem Aktivisten verhindert die PYD sowohl Demonstrationen als auch Fluchtbewegungen von KurdInnen in die Türkei oder Irakisch-Kurdistan.

+++ 19:00 Uhr +++

Protest auch in Qudsia und Al Tall, Umland Damaskus

In Qudsia, einem westlichen Vorort von Damaskus, sind die Menschen heute auch in Solidarität mit ihren NachbarInnen aus Zamalka, Ain Tarma, Mouadamiya und den anderen Vororten von Damaskus auf die Straße gegangen. Nachtrag: Hier auch noch einVideo des Protests. In Al Tall unweit von Damaskus brachten die Demonstranten ebenfalls ihre Solidarität mit Ghouta zum Ausdruck.

+++ 18:30 Uhr +++

Ansage aus Aleppo, Freitagsprotest

Diese Aktivistin aus Aleppo macht aus ihrer Haltung zu den Angriffen vom Mittwoch keinen Hehl: “Hört auf, unsere Massaker als ‘Behauptungen’ abzustempeln. Bewegt Eure Hintern und fangt an zu ermitteln!”

+++ 18:10 Uhr +++

Die Lage in Mouadamiya

Unser Aktivist von AaR hat sich beim Medienbüro von Mouadamiya (westliches Ghouta) über den Angriff vom Mittwoch und die aktuelle Situation erkundigt. Das Medienbüro berichtet:

“Die Stadt Mouadamiya erlebt aktuell seine schwersten Stunden. Alle sind unter Schock und in Panik; die Menschen vermuten hinter jeder Granate und jedem Geräusch einen chemischen Angriff. Es gab keine Schutzmaßnahmen. In den von Chemiewaffen betroffenen Vierteln sind alle Einwohner verletzt worden. Sogar das medizinische Personal war betroffen, nur einige der Helfer hatten Schutzmasken. Bislang gibt es bei uns 64 Tote und 625 Verletzte. Sofern es möglich war, haben wir die Verletzten mit Atropin versorgt und sie mit Wasser gewaschen. Die Einwohner sind derzeit völlig verängstigt und sitzen in den Räumen, die sie notdürftig verschlossen haben. Man fürchtet sich, rauszugehen – sei es für die einfachsten Dinge. Die Hauptbedürfnisse sind Nahrungsmittel und Medikamente, da die Stadt Mouadamiya seit rund 9 Monaten abgeriegelt ist. Daher sind alle Reserven aufgebraucht.”

+++ 17:30 Uhr +++

Erbin, Damaskus. 23.08.2013Verendete Schafe in Erbin, östliches Ghouta.

Auch Tiere sind betroffen

Aus Erbin erreicht uns folgendes Bild: Auch Schafe sind aufgrund des Angriffs vom Mittwoch verendet.

+++ 17:10 Uhr +++

Detaillierter Bericht über die Angriffe in Ghouta

Das syrische Center for Documentation of Violations in Syria (VDC) hat einen ausführlichen Report samt Augenzeugenberichten zusammengestellt. Das VDC hat das lokale Team aus Ghouta direkt nach den Angriffen zu medizinischen Einrichtungen geschickt, u.a. auch nach Zamalka, wo ein Großteil der Opfer zu beklagen ist. Die Angriffe auf Zamalka begannen um halb zwei nachts. Nach dem Angriff mit Chemiewaffen folgten bis in den Morgen Angriffe mit MIG-Kampfflugzeugen, was die medizinische Versorgung und Evakuierung von Opfern zusätzlich erschwerte. Wie sonst bei Angriffen auch flüchteten die Bewohner in die Keller – was ihnen bei Gas zum Verhängnis wurde, denn dieses sickert nach unten. Viele der Opfer wurden zudem im Schlaf von dem Angriff überrascht. Da Ghouta seit Monaten abgeriegelt ist, herrscht in den betroffenen Gebieten ein großer Mangel an medizinischem Personal und Medikamenten. Das Mittel Atropin kann die Folgen von Gas mindern, ist aber nur unzureichend in Ghouta verfügbar.

Auch medizinisches Personal ist unter den Opfern. Ein Helfer aus Ghouta wird zitiert: “Nach der Bombardierung ging ich raus, um Menschen zu behandeln. Ich roch schwefelartiges Gas mit einer weißlich-nebligen Farbe. Plötzlich verlor ich das Bewusstsein. Zuvor sah ich 17 Patienten; die meisten litten an Zuckungen, Erbrechen, Halluzinationen, Atemnot und verengten Pupillen. Ich wurde anschließend im medizinischen Zentrum von Douma behandelt.”

+++ 16:20 Uhr +++

Saqba lässt sich nicht unterkriegen

Aus dem Ort Saqba, der ganz nahe an den betroffenen Gebieten liegt, kommt diesesProtestvideo. Die Menschen lassen sich trotz der gravierenden Angriffe der letzten Tage nicht von den Freitagsprotesten abhalten. Der Angriff mit Chemiewaffen ist auch hier das bestimmende Thema der Proteste.

+++ 15:40 Uhr +++

Hohe Opferzahlen aus der östlichen Ghouta/Umland Damaskus

Das vereinigte revolutionäre medizinische Komitee des östlichen Ghouta – in diesem Gebiet befinden sich die meisten betroffenen Orte – hat gestern ein Dokument über Opferzahlen vorgelegt. Demnach sind dem berichteten Chemiewaffenangriff am Mittwoch 1302 Personen zum Opfer gefallen, davon ein hoher Anteil an Frauen und Kindern. Zudem gibt es 9838 Verletzte. In dieser Aufzählung fehlen noch die Opfer der westlichen Ghouta. Diese Opferzahlen können nur ansatzweise das Drama darstellen, das die Menschen vor Ort durchmachen.

+++ 15:00 Uhr +++

Stiller Protest aus Maraba/Daraa: Von der Welt im Stich gelassen

Der BürgerInnen-Protest aus dem Ort Maraba stellt in einem szenischen Trauerspiel die Gefühle dar, die die SyrerInnen angesichts der wahrgenommen Gleichgültigkeit der Weltöffentlichkeit befallen. Obama steht vor den Toten und hat die Augen verbunden, die arabischen Länder stehen da wie ohnmächtig. Auf Obamas “rote Linie” anspielend, heißt es “Obama: farbenblind”. Der Sicherheitsrat: gelähmt. Die Freunde Syriens: taub. Heute ist Freitag, der traditionelle Tag der Proteste in Syrien. Doch heute werden die Proteste dem Geschehen vom Mittwoch und den vielen Toten gewidmet sein. Solidarität für Ghouta, so wird es in vielen Orten im ganzen Land heißen.

+++ 14:30 Uhr +++

Selbst erfahrene Ärzte sind mit dem Ausmaß der Verletzten überfordert

Als die Bomben ganz in der Nähe von Abu Omar, einem Arzt aus Mouadamiya bei Damaskus, einschlugen, haben er und seine Sanitäter sich sofort mit Masken und Plastikhandschuhen gewappnet. Im Gegensatz zu früheren Angriffen, die “nur” ein paar dutzend Menschen verletzt oder getötet hatten, war er dieses Mal überrascht von der Anzahl an Toten und Verletzten. Wie viele andere Ärzte erzählte auch er von Hunderten, die er am Mittwoch behandelt hat. Von 120 Personen, die durch den Beschuss gestorben sind, seien 50 durch Gas umgekommen, berichtete Abu Omar.
„Wir wussten nicht, was wir mit allen Verletzen tun sollten, also habe ich ein paar von ihnen zum Warten nach draußen auf die Straße geschickt“, erzählte er über Skype aus seiner Klinik. Seine Stimme wurde zeitweise von den Geräuschen der Geschosse überdeckt, welche immer noch auf die Gegend einschlugen. AktivistInnen sagten, dass die Armee eine heftige Offensive mit wiederholten Luft-und Artillerie-Schlägen gestartet hat, die seit Dienstagnacht nicht nachgelassen hat.
„Ein Dutzend meiner Rettungshelfer wurde heute verletzt und neun umgebracht. Zunächst waren sie vom Gas betroffen“, erzählte Dr. Abu Omar. „Aber jetzt werden sie durch den regulären Beschuss getötet. Der Bombenhagel will einfach nicht aufhören.”

+ + + 13:40 Uhr + + +

Wie viele Betroffene?

Ein Aktivist ärgert sich über die Medien, weil sie schreiben, es seien nur Dörfer die angegriffen werden, obwohl es riesige Vorstädte sind. Er schätzt, dass allein in den abgeriegelten Gebieten im Osten der Stadt (Ost-Ghuta) 1,5 Millionen Menschen wohnen. Viele sind in den letzten Wochen und Monaten sogar wieder zurückgekehrt, auch wenn die Vorstädte nahezu täglich bombardiert werden. Bis Mittwoch war die Gefahr abschätzbar, jetzt ist sie eskaliert.

+ + + 13:00 Uhr + + +

Erste Statements von kurdischen Parteien

Erst am dritten Tag nach den Angriffen in Damaskus mit mutmaßlich chemischen Kampfstoffen in Damaskus haben sich auch kurdische Parteien ins Syrien mit Statements gemeldet. Die Partei Azadi (Freiheit) fordert, dass die UN und die internationale Gemeinschaft endlich darauf reagieren, dass das Assad-Regime so gleichgültig mit den Menschen im Land umgeht. Die Gruppe “Bewegung der Menschen in Kurdistan” verlangt, dass sich die Opposition endlich eint, um sich gegen das Regime zu stellen und internationale NGOs und die globale Zivilgesellschaft aktiv werden muss, da die Regierungen durch ihr langes Zögern eine Mitverantwortung tragen.

+ + + 12:10 Uhr + + +

Freitag wird auch in Syrien protestiert

Freitag ist der Tag der Proteste in Syrien. Nach den Angriffen erwarten AktivistInnen, dass es landesweit zu vielen Demonstrationen kommen wird, die auf den mutmaßlichen Angriff mit Chemiewaffen reagiert. Wir werden versuchen, AktivistInnen auf den Demonstrationen zu erreichen.
Auch hierzulande sind Solidaritätsaktionen geplant:
Freitag, 15 Uhr in Hamburg
Freitag, 18 Uhr in Frankfurt
Samstag, 14 Uhr in Berlin

+ + + 11:50 Uhr + + +

Von der Lektorin zur Krankenhelferin

Sie wollte nur aushelfen, erzählt eine Universitätslektorin, die ihren Aufenthaltsort und ihre wahre Identität nicht preisgeben will. Wenn sie auf den Fahndungslisten steht, kommt sie nicht mehr zur Arbeit. Im Untergrundkrankenhaus hat sie Verwundete mit Wasser abgewaschen. Dort hat sie ein Kind gesehen, das immer nur geschrien hat, ob es im Himmel wäre. Vor wenigen Wochen war die Schwester des Mädchens von einer Granate getötet worden, beim Angriff vorgestern sind auch ihre Eltern ums Leben gekommen. Heute weiß die AktivistIn nicht mehr, ob sie in ihren Beruf zurück kann, die Bilder bewegen sie noch zu sehr. Sie glaubt, dass es für viele Menschen eine Zeit vor und eine nach dem 21. August geben wird.

+ + + 11:10 Uhr + + +

Solidarische Unterstützung geht weiter

Angesichts der eskalierten Lage braucht es in Syrien mindestens so dringend wie zuvor eine stark Zivilgesellschaft. Wir werden weiterhin solidarisch an der Seite derjenigen stehen, die sich unbewaffnet gegen das Assad-Regime stellen. Von solchen AktivistInnen bekommen wir alle diese Informationen hier im Liveblog. Wir arbeiten seit fast zwei Jahren mit Bürgerkomitees in den betroffenen Stadtteilen zusammen. Hier gibt es die Möglichkeit, ihre Arbeit zu unterstützen.

Komitees unterstützen!

 

+ + + 10:50 Uhr + + +

Häuser über Nacht abgedichtet

Ein junger Mann aus Ost-Ghouta berichtet heute morgen: “Wir haben heute Nacht unser ganzes Haus abgedichtet. Obwohl wir sonst die Fenster nachts offen haben, weil es dann etwas kühler ist, haben wir in der letzten Nacht alles abgedichtet und selbst unter die Türen noch Teppiche gelegt.”

+ + + 10:20 Uhr + + +

Bastelanleitung für selbstgemachte Gasmasken

Aus Duma haben wir von einer Bastelanleitung für selbstgemachte Gasmasken gehört. Benötigt werden Plastikflaschen, Kohle und Baumwolle. Die Kohle soll in die Baumwolle gewicktelt werden und befeuchtet werden. Dann den Boden der Plastikflasche aufschneiden, Kohle und Baumwolle in den Hals der Flasche stecken und durch die Flasche atmen. Ob es funktioniert, ist nicht belegt, aber trotzdem sind viele Menschen daran interessiert, sich selbst einen solchen Schutz zu bauen. Sie haben große Angst vor weiteren Angriffen in den nächsten Tagen.

+ + + 8:20 Uhr + + +

Aktivisten rechnen mit weiterer Eskalation

Ein Aktivist aus Damaskus kommentiert die Berichte, dass es gestern keine Hinweise auf den Einsatz von Chemiewaffen gegeben hat. Das entspricht der Erfahrung mit dem Assad-Regime seit Beginn des Aufstands. Das Regime hat den Einsatz immer schwererer Waffen ausprobiert und dann gewartet, bis sich die Aufregung wieder gelegt hat. Anschließend sind die Waffen dann deutlich regelmäßiger eingesetzt worden. “Um die ersten Scud-Raketen hat es eine riesige Diskussion gegeben und auch die internationale Gemeinschaft hat sich überlegt, wie sie reagieren sollte. Inzwischen ist das längst vergessen.”

+ + + 23. August, 7:30 Uhr + + +

Update der Tageszusammenfasung

Das Aktivistennetzwerk der LCC hat seine Tageszusammenfassung aktualisiert, aber keine weiteren Angriffe dokumentiert, die auf einen Angriff mit chemischen Kampfstoffen hinweisen. Stattdessen werden trotzdem 408 Orte erwähnt, an denen gestern schwere Waffen eingesetzt worden sind.

+ + + 23:10 Uhr + + +

Angst vor weiteren Angriffen geht um

Aus Ost-Ghouta in den östlichen Vorstädten von Damaskus berichtet ein Aktivist, dass die Menschen in den Vorstädten vor allem Angriffe in der Nacht befürchten. Die Bedrohung der täglichen Angriffe mit Artillerie und Flugzeugen tagsüber haben sie einzuschätzen gelernt, aber die Ereignisse von vorletzter Nacht sind neu für sie. Familien haben einen Plan aufgestellt, wer wann schläft, so dass immer jemand wach ist, um die anderen warnen und retten zu können. Bei dem Angriff vorletzte Nacht sind in mehreren Häusern ganze Familien im Schlaf ums Leben gekommen.

+ + + 20:20 Uhr + + +

Zusammenfassung des Tages bis Sonnenuntergang

Kann das einfach ein normaler Tag sein? Während vielen Menschen in und um Damaskus der Schock von gestern noch tief in den Knochen sitzt, geht das “normale Töten” in Syrien weiter. Unser Kooperationspartner, die Lokalen Koordinationskomitees berichten von bisher 70 Getöteten, die Hälfte davon in Damaskus und Umland. Aber auch in Aleppo sind 11 Menschen, in der Region Idlib 9, in der Provinz Hama 6, in Homs 3, in Deir ez-Zor 3, in Daraa 2 und in Hasakah 1 Mensch, die getötet worden sind. Eingesetzt wurden dabei sowohl Boden-Boden- als auch Scud-Raketen, Helikopter, Kampfflugzeuge und Mörsergranaten. Ein schrecklicher Alltag!
Zudem hat das Netzwerk die Zahl der Opfer der Angriffe von gestern nach oben korrigieren müssen und kommt derzeit auf 1.338 Todesopfer in Folge der Angriffe gestern.

+ + + 19:10 Uhr + + +

Kreisförmige Wirkung

Ein Aktivist aus Zamalka hat mit den Menschen rund den Ort gesprochen, an dem mutmaßlich die Geschosse eingeschlagen sind, die chemische Kampfstoffe transportiert haben. Seiner Beschreibung nach hat sich die Wirkung kreisförmig ausgebreitet. Im innersten Kreis sind alle Menschen ums Leben gekommen, bei etwas weiterem Radius waren Kinder stärker betroffen als Erwachsene und weiter außen, hat den Menschen nur noch die Nase gejuckt. Weiter als einen Kilometer vom Zentrum hat er von keinen Beschwerden mehr gehört.

+ + + 17:50 Uhr + + +

Überlastete Ärzte und Mediziner

Ein Aktivist berichtet, dass auch medizinische Personal in Moadamieh ans seine Grenzen gekommen ist. Die Vorräte an Atropin waren schnell aufgebraucht und reiner Sauerstoff in Flaschen nicht zu bekommen. Sie konnten nicht viel machen, außer die Patienten abwaschen und mit Zwiebeln behandeln. Für den Arzt eine starke Kränkung seiner Berufsethik, dass Menschen unter seinen Händen sterben, obwohl so einfach Medikamente helfen könnten.

+ + + 17:10 Uhr + + +

Bericht aus Jobar

Endlich haben wir den Aktivisten aus Jobar erreicht. Er berichtet, dass bei ihnen gestern früh so viele Patienten angekommen sind, dass sie einfach nicht mehr behandelt werden konnten. Der eine Raum ihres Untergrundkrankenhauses war voll aber als noch mehr Verletzte angeliefert wurden, mussten sie auf der Straße warten. Krankenwagen aus anderen Orten versuchten Verwundete abzuholen, um sie dort zu behandeln. Weil es so viele waren, wurden alle, die keine Lebenszeichen von sich gaben, erst einmal unbehandelt gelassen.

+ + + 16:20 Uhr + + +

Noch immer werden Häuser aufgebrochen

Gerade kam die Meldung aus Zamalka, dass noch einmal 20 Tote gefunden wurden. Helfer sind von Haus zu Haus gegangen, um zu prüfen, ob noch Opfer in den Häusern sind. Dabei wurde eine weitere tote Familie gefunden. Anfangs hatten die Aktivisten nur in offenen Häusern gesucht, inzwischen aber brechen sie auch überall dort die Tür auf, wo diese verschlossen sind. Ein Aktivist, der gerade von so einem Hilfseinsatz zurückgekommen ist berichtet, wie niedergeschlagen und leer er sich angesichts dessen fühlt.

+ + + 15:40 Uhr + + +

Luft erst wieder nach Stunden

Ein Aktivist aus Duma, der in Zamalka und Ain Tarma zum Helfen war, berichtet, dass die Konzentration an Giftgasen sehr hoch gewesen sein muss, wenn welche eingesetzt wurden. Für ihn ist das aber klar, da auch Vögel und Tiere getötet wurden. In der Umgebung wurden deshalb alle Mülltonnen angezündet, damit der aufsteigende Rauch das Gas mitnimmt und es schneller verdünnt wird. Trotzdem haben HelferInnen selbst vier Stunden nach dem Angriff noch schwer Luft bekommen, wenn sie zu lange in der Gegend waren. In der Grundausbildung der Armee hat er gelernt, dass nach einem Gas-Angriff die Luft erst nach zwölf Stunden wieder rein ist. Um Verwundete zu bergen, mussten sie aber das Risiko auf sich nehmen.

+ + + 15:10 Uhr + + +

Wohin auch flüchten?

Die Aktivistin Susan Ahmad berichtet aus den Vororten von Damaskus, dass die Menschen Angst haben, viele stehen auch noch unter Schock und haben noch nicht verstanden, was genau passiert ist. Aber Fluchtbewegungen gibt es nicht. Denn: Wo sollen die Menschen auch hin? Die Vorstädte sind an vielen Stellen abgeriegelt und es ist völlig unklar, ob es in Duma sicherer ist, als in Zamalka.

+ + + 14:40 Uhr + + +

Wir können nur darstellen, was in Syrien passiert, aber einschätzen, ob chemische Kampfstoffe eingesetzt wurden und welche, das können wir nicht. Dafür hat der Spiegel dafür ein gutes Interview geführt.

+ + + 14:10 Uhr + + +

Was steckt dahinter?

Viele AktivistInnen in Syrien spekulieren natürlich, was es bedeutet, wenn neuerdings auch Chemiewaffen im Konflikt in Syrien eingesetzt werden. Einige gehen davon aus, dass der massive Angriff gestern eine militärische Offensive vorbereiten sollte. In Moadamieh etwa berichtet der lokale Rat, dass Panzer versuchen von Nordosten in den Vorort einzudringen. Andere vermuten, dass es sich bei der Aktion um eine höhnische Geste handelt, da die UN-Chemiewaffenexperten zwar in unmittelbarer Nähe sind, aber die Vorfälle ohne Zustimmung des Assad-Regimes nicht untersuchen können. Die gegenteilige Interpretation vertritt ein Aktivist aus der Innenstadt von Damaskus, der das Regime psychologisch so mit dem Rücken an der Wand sieht, dass es jetzt auch offen zum äußersten bereit ist.
Allen Kommentatoren ist gemeinsam, dass sie befürchten, dass ein solcher Schritt in Syrien von einem ähnlichen gefolgt werden wird, aber Konsequenzen der Weltgemeinschaft ausbleiben. So etwa Sami aus Erbin: “Wir dachten immer, dass der Druck auf Assad wachsen wird, wenn er brutaler gegen die Opposition vorgeht. Erst sind wir auf Demonstrationen beschossen worden, dann wurden wir mit schweren Waffen in unseren Städten angegriffen, jetzt sieht es nach Massenvernichtungswaffen aus. Es muss etwas passieren!”

+ + + 13:40 Uhr + + +

Der normale Wahnsinn geht weiter

Das Aktivistennetzwerk LCC berichtet, dass heute bereits wieder 22 Menschen in Syrien ums Leben gekommen sind, 10 davon im Großraum von Damaskus. Die Menschen, die gestern Opfer der Angriffe geworden sind, leben seit Monaten unter Beschuss durch Mösergranaten und Luftangriffe. Die Vororte sind meist von der Armee umstellt. Ein Aktivist aus Damaskus berichtet, dass Moadamieh bereits seit acht Monaten von der Armee abgeriegelt ist. Lebensmittel können meist nur in die Stadt gelangen, wenn Soldaten bestochen werden. Die Preise für Brot sind deshalb drei Mal so hoch, wie in der Innenstadt.

+ + + 13:00 Uhr + + +

Opferzahlen III

Kurz nach dem Gespräch gerade hat sich der Aktivist aus Erbin noch einmal gemeldet, da ihn jetzt erst Neuigkeiten aus dem Krankenhaus erreicht haben. Die Zahl der Toten aus Zamalka ist bis heute Mittag auf 110 gestiegen, darunter 45 Kinder und 35 Frauen. Zusätzlich sind 17 Menschen durch die regulären Angriffe ums Leben gekommen.

+ + + 12:40 Uhr + + +

Beerdigungen in Erbin

Seit gestern Abend werden in Erbin die Menschen beerdigt, die aus dem nahe gelegenen Zamalka angeliefert wurden und im Krankenhaus in Erbin verstarben. Zwölf Stunden haben die Menschen vorher gewartet, um niemanden zu beerdigen, der in der Eile vielleicht nur für tot gehalten wurde. Ständig kommen aber auch Menschen aus Zamalka, um die Leichen zu identifizieren. Von unidentifizierten Opfern hat das Komitee 1.500 Bilder gemacht, um später die Namen der Toten bestätigen zu können und Verwandte zu finden.

+ + + 12:10 Uhr + + +

Schwierigkeiten, Opferzahlen zu bestimmen II

Der Aktivist von den LCC, der uns davon berichtet wie die Opferzahlen zustande kommen, vermutet, dass die Zahlen auch wieder sinken könnten. “Aber keinesfalls unter 1.000! Wir wissen, wie schwierig es ist, die Zahlen zu bestimmen, aber die Menschen haben inzwischen auch viel Erfahrung damit. Vielleicht werden noch ein paar Doppelzählungen korrigiert, aber spätestens wenn wir die vollständige Namensliste haben, wird es feststehen.

+ + + 12:00 Uhr + + +

Gestern war es in Damaskus ruhiger als sonst, viel Geschäfte bleiben geschlossen, viele Menschen zu Hause. Aber schon heute wirkt vieles wie normal, wie wir aus der Innenstadt berichtet bekommen. Angesichts der zahllosen Straßensperren gibt es viel Angst, sich auffällig zu verhalten. Ein Aktivist aus den Vorstädten kann das nicht verstehen: “Wir haben auch mit den Straßensperren gelebt, dann kamen die Scharfschützen und schließlich die schweren Waffen. Die Leute können doch nicht so viel Angst haben, dass sie vergessen was ein paar Kilometer weiter passiert.”

+ + + 11:50 Uhr + + +

Schwierigkeiten, Opferzahlen zu bestimmen

Es gibt verschiedenste Zahlen dazu, wie viele Menschen gestern ums Leben gekommen sind. Ein Aktivist unseres Kooperationspartners LCC erklärt, wie sie auf ihre Zahl gekommen sind – und warum sie glauben, dass es vielleicht wieder weniger werden. Zunächst haben sie alle Informationen zusammengesammelt, die sie bekommen konnten und die zusammengezählt. Um aber nach und nach doppelte Zählungen auszuschließen, haben sie später nur noch die Zahlen an festen Sammelpunkten wie Krankenhäusern berücksichtigt. Aber sie arbeiten auch schon an Namenslisten. In Moadamieh und Darayya stehen 105 Namen auf der Liste – 110 Menschen waren an den Sammelstellen gezählt worden.

+ + + 11:20 Uhr + + +

Aussageverweigerung

Auch das ist eine Realität: Auf unsere Frage an einen Aktivisten direkt aus Zamalka, dem am stärksten betroffenen Ort, ob wir seinen Kontakt an Journalisten weitergeben dürfen antwortet er erschöpft und frustriert: “Tut mir leid, aber ich will nicht mehr reden. Wir haben in den letzten Monaten immer alle Fragen beantwortet, die wir gestellt bekommen haben. Aber jetzt brauchen wir einfach Hilfe: Medikamente, Gasmasken. Wir brauchen Sicherheit. Was bringt es noch, weiter zu reden.”

+ + + 10:30 Uhr + + +

Angriffe auf die betroffenen Orte gehen weiter

AktivistInnen aus verschiedenen Teilen von Damaskus berichten uns, dass es nach gestern den ganzen Tag auch heute schon wieder zu Angriffen der Armee gekommen ist. Aus Moadamieh und Darayya im Westen der Stadt werden Luftangriffe gemeldet, AktivistInnen vor Ort haben uns aus Ost-Ghouta den Beschuss mit Mörsergranaten bestätigt. Bei den Ortschaften handelt es sich genau um die Gebiete, wo es gestern vermutlich zu einem großen Einsatz von chemischen Kampfstoffen gekommen ist. Das Assad-Regime weigert sich bislang mit Hinweis auf die Sicherheitslage, die UN-Inspektoren aus der Innenstadt in die betroffenen Gebiete zu lassen.

+ + + 10:00 Uhr + + +

UN-Inspekteure nur wenige Kilometer entfernt

“Von der internationalen Gemeinschaft sind wir ohnehin enttäuscht, aber wenn das stimmt wäre es der reinste Hohn!” Der Aktivist Free Sham aus Damaskus berichtet, dass die UN-Inspekteure, die erst letzte Woche in Syrien eingetroffen sind, in der Innenstadt von Damaskus im Sheraton Hotel untergebracht sind. Am Vormittag, so hat er gehört, waren sie auf einer Führung durch die Altstadt – gerade einmal 1500 Meter von der Ortsgrenze von Zamalka entfernt, wo zu dieser Zeit die Menschen gestorben sind.

+ + + 09:20 Uhr + + +

Sie seien sehr müde nach den gestrigen Ereignissen sagt ein Aktivist aus Ghouta im Osten von Damaskus. Aber immerhin sei diese Nacht nichts so Ungewöhnliches mehr passiert. Aus Angst vor weiteren Giftgasangriffen hatten sich die Menschen in seiner Nachbarschaft aber alle nasse Handtücher neben die Betten gelegt, sie aber glücklicher Weise nicht gebraucht.

+ + + 22. August, 03:30 Uhr + + +

Tageszusammenfassung der Lokalen Koordinationskomitees LCC

Nach aktueller Zählung unseres Kooperationspartners der Lokalen Koordinationskomitees (LCC) sind bei den mutmaßlichen Giftgas-Angriffen gestern in Damaskus 1.252 Menschen ums Leben gekommen und weitere 89 syrienweit durch konventionelle Waffen. Schwerpunkt des Giftgas-Einsatzes ist demnach Zamalka östlich der Innenstadt von Damaskus gewesen, aber auch aus den westlichen Vororten Moadamieh und Darayya wurden 110 Tote gemeldet. Die Opferzahlen verteilen sich dabei auf die folgenden Orte:
400 im Untergrundkrankenhaus Zamalka
300 Hamoria Medical Point
150 in Kafr Batna
103 in Moadamieh
75 in Ain Tarma Medical Point
69 in Saqba
64 in Duma
63 in Erbin
16 in Jisreen
7 in Darayya
5 in Harasta

+ + + 21. August, 16:00 Uhr + + +

“Die Leute sterben von innen” – Interview mit Aktivist aus Erbin

Nachdem heute morgen die ersten Berichte über einen massiven Angriff in Zamalka, Ain Tarma und Moadamieh eintrafen, führten wir heute morgen ein Interview mit Sami, einem Aktivisten aus Erbin. Der Ort liegt nur rund vier Kilometer von Zamalka entfernt und gemeinsam mit dem lokalen Komitee arbeiteten wir in den letzten Wochen daran, Kindern wieder Schulunterricht zu ermöglichen. Hier ein Ausschnitt auf dem Interview.

Was für Verletzungen haben die Menschen, die in die Krankenhäuser eingeliefert werden?

Alle eingelieferten haben Atemprobleme, viele sind bleich und haben Schaum vor dem Mund, insbesondere die Kinder. Ihre Pupillen sind ganz klein, die Region um den Mund und die Nase sind grau.

Was belegt, dass es ein Angriff mit Chemiewaffen war? Könnte es sich nicht auch einfach um eine Offensive in Zamalka handeln?

Es ist anders als bei sonstigen Angriffen: Es fließt kein Blut, die Menschen haben keine äußeren Verletzungen, sie sterben von innen. Unser Ort wird fast jeden Tag mit Mörsern und aus Kampfflugzeugen beschossen, auch wieder seit heute morgen um 7 Uhr. Dabei sterben pro Tag zwischen zehn und 20 Menschen, wir wissen also, wie diese Opfer normalerweise aussehen. Bei den heftigsten Luftangriffen die es bislang bei uns gab, die waren im Juli 2012, sind 36 Menschen gestorben. Heute Nacht wurden über 750 Menschen umgebracht. Was sollte es denn anderes sein als Giftgas?

Hier geht es zum vollständigen Interview mit Sami.

Kinder in ErbinTote Kinder im Untergrundkrankenhaus von Erbin nach dem Angriff vom frühen Mittwoch morgen

Unterstützen Sie die zivilgesellschaftliche Arbeit der Komitees im Umland von Damaskus!

source : https://www.adoptrevolution.org/liveblog-damaskus/

date : 27/08/2013