„Die Leute sterben von innen“ – Interview zu möglichem Giftgaseinsatz in Damaskus

Article  •  Publié sur Souria Houria le 21 août 2013

Facebook-Bild von AktivistInnen, die auf den Angriff hinweisen.

Seit den frühen Morgenstunden häufen sich Berichte, wonach in Vororten östlich und westlich von Damaskus größere Mengen Giftgas eingesetzt worden sein sollen, was zu über 750 Toten geführt hat. Betroffen sind insbesondere die Vororte Ain Tarma, Zamalka und Moadamieh. Adopt a Revolution arbeitet seit fast zwei Jahren mit verschiedenen Komitees in den Vororten von Damaskus zusammen. Anlässlich der Medienberichte haben wir heute morgen via Skype ein Interview mit einem Aktivisten aus Erbin geführt. Der Vorort liegt nur wenige Kilometer von  Zamalka entfernt.

 

Karte der Orte mit Opfern des Angriffs vom 21.8.Karte des östlichen Damaskus mit Pfeilen, wo Opfer des Angriffs verzeichnet sind. Erbin ist oben rechts markiert, Das Zentrum von Damaskus am linken Bildrand.

Adopt a Revolution: Uns erreichen Berichte, dass es in Ain Tarma, Zamalka und Moadamieh zu einem großen Einsatz von Giftgas gekommen ist. Was habt ihr in Erbin davon mitbekommen?

 

Sami: Erbin liegt nur vier Kilometer von Zamalka entfernt. Zwischen vier und fünf Uhr haben die Moscheen in Erbin per Lautsprecher alle Einwohner dazu aufgefordert, Fenster und Türen geschlossen zu halten, weil es zu einem Giftgasanschlag in der Nähe gekommen ist. Gleichzeitig haben wir im ganzen Ort Feuer gelegt, um das Gas zu vertreiben wird. In der ganzen Stadt roch es nach Rauch.

Gab es in Erbin Tote oder Verletzte mit Giftgas-Sympthomen?

Nein, in Erbin selbst sind mir keine Opfer bekannt. Allerdings wurden ab 5 Uhr morgens Tote und Verletzte aus Zamalka und Ain Tarma zu uns ins Krankenhaus gebracht. Bis heute Mittag um 12 Uhr wurden allein bei uns im Krankenhaus 85 Tote gezählt, weitere 40 Menschen sind in Behandlung. Aus den anderen Ortschaften in Ost-Ghouta hören wir ähnliche Zahlen. Zusammengezählt müssen über 750 Menschen betroffen sein.

Was für Verletzungen haben die Menschen, die in die Krankenhäuser eingeliefert werden?

Opfer Angriffe Damaskus 21.7.Opfer des Angriffs in einem Untergrundkrankenhaus in der Umgebung von Zamalka.

Die Leute sind bleich und haben Schaum vor dem Mund. Vor allem die Kinder. Ihre Pupillen sind ganz klein, die Region um den Mund und die Nase sind grau. Alle haben Atemprobleme.

Wie werden die Menschen behandelt?

Unser Feldkrankenhaus ist mit dieser Anzahl der Verletzten absolut überfordert. Wir haben keine passenden Medikamente. Um die Atemwege frei zuhalten, reiben wir die Menschen mit Zwiebeln ein. Das hilft ein wenig.

Seid ihr sicher, dass es ein Angriff mit Chemiewaffen war? Könnte es sich nicht auch einfach um eine Offensive in Zamalka handeln?

Es ist anders als bei sonstigen Angriffen: Es fließt kein Blut, die Menschen sind äußerlich nicht verletzt, sie sterben von innen. Unser Ort wird fast jeden Tag mit Mörsern und aus Kampfflugzeugen beschossen, auch wieder seit heute morgen um 7 Uhr. Dabei sterben pro Tag zwischen zehn und 20 Menschen, wir wissen also, wie diese Opfer eigentlich aussehen. Aber bei den heftigsten Luftangriffen die es bei uns gab, die waren im Juli 2012, sind 36 Menschen gestorben. Heute Nacht wurden über 750 Menschen umgebracht. Was sollte es denn anderes sein als Giftgas?

In Syrien sind letzte Woche UN-Beobachter eingetroffen, die Giftgaseinsätze untersuchen sollen. Wisst ihr, ob sie schon in Zamalka waren?

Facebook-Bild von AktivistInnen, die auf den Angriff hinweisen.Facebook-Bild von AktivistInnen, die auf den Angriff hinweisen.

Wir haben gehört, dass die UN-Inspektoren in der Innenstadt von Damaskus in einem Hotel untergebracht sind, das nur wenige Kilometer von Zamalka entfernt ist. Sie könnten innerhalb von 20 Minuten hier sein, aber bislang sind sie nicht aufgetaucht. Wir verstehen einfach nicht, warum?

Gibt es bei euch Schutzmaßnahmen gegen einen Gasangriff?

Nein eigentlich nicht. Vom Komitee aus haben wir versucht, selbst Gasmasken herzustellen. Aber die funktionieren nicht wirklich. Wir versuchen uns gegenseitig zu waren, wie heute morgen. Aber einen richtigen Schutz gibt es nicht.

Das Interview wurde per Skype am 21.08.2013 um 13:30 geführt.

Unterstützen Sie die zivilgesellschaftliche Arbeit der Komitees im Umland von Damaskus!

source : https://www.adoptrevolution.org/giftgas_ghouta/

date : 21/08/2013



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