Der Mikrokosmos der syrischen Revolution

Article  •  Publié sur Souria Houria le 25 août 2012

Ziviler Widerstand und Selbstorganisation während der syrischen Revolution – Beispiele aus dem Camp Yarmouk im Süden von Damaskus. Ein Beitrag von Ansar Jasim.
Das vorherrschende Bild in den Medien in Deutschland erweckt den Eindruck, als würde der Bürgerkrieg in Syrien aus zwei Parteien bestehen: dem staatlichen Militär und dem stetig anwachsendenZusammenschluss von Deserteuren, die sich Freie Syrische Armee (FSA) nennen. Ein kleiner Selbstversuch bei google news „Syrien“ einzutippen, zeigt deutlich, dass der Fokus der Medien längst nicht mehr auf der Revolution, als Bewegung zum Sturz eines brutalen autoritären Regimes, liegt. Vielmehr liegt die Konzentration von Medienberichten auf der „zwielichtigen“ FSA, den fatalen Auswirkungen, die die Revolution schon jetzt für Christen und anderen syrische Minderheiten hätten oder auf jener syrischen Mehrheit von 55% Loyalisten, die noch hinter Assad stünden.
Dabei gibt es über die Anzahl an Deserteuren nicht einmal verlässliche Zahlen. Joseph Holliday listet alleine 22 verschiedene, getrennt operierende Gruppen auf, die sich zur FSA zählen. Dass der Medienfokus sich inzwischen auf die bewaffnete Opposition konzentriert, mag vor allem daran liegen, dass die FSA, welche zunächst als Schutzpatron der friedlichen Demonstranten auftrat, 2012 ihre Taktik änderte und zu gezielten bewaffneten Angriffen, wie Autobomben und Explosionen überging.
Der jüngste Bericht von Janine di Giovanni über die andere „Hälfte“ der syrischen Bevölkerung bietet einen Einblick darin, wie der Teil der syrischen Bevölkerung, der es sich leisten kann, der Welt des Kriegs entflieht.
Aber ist es das, woraus die syrische Revolution derzeit besteht? Aus 55% Loyalen und 45% FSA-Kämpfern? Wohl kaum.
Vor allem zwei Tatsachen werden dabei vernachlässigt:
E    Es finden immer noch täglich Demonstrationen in den Städten und Dörfern statt, mit hohen Teilnehmerzahlen.
2.      Die Selbstorganisation und der Vernetzungsgrad der revolutionären Komitees haben ein beachtliches Niveau erreicht.
Trotz der vielen Toten, gehen immer noch täglich tausende Syrer auf die Straßen und fordern den Sturz des Regimes, Freiheit, Menschenwürde und vor allem ein friedliches Miteinander. Bilder aus diesem Mikrokosmos erreichen uns täglich über Facebook und Youtube, aber wie dieser Mikrokosmos funktioniert, ist weitestgehend unbekannt. Dabei ist dieser Bereich der Revolution – die selbstorganisierte Bürgergesellschaft – das Herz der Revolution und gibt Zeugnis über den Reifegrad dieser Bewegung. Dies macht es nötig, in diesem Beitrag Licht auf das innere der Revolution zu werfen.
Während die FSA Gebiete erobert und versucht zu halten, fallen gleichzeitig staatliche Strukturen weg, die ersetzt werden müssen. Beispiele gibt es viele. Neben den Lokalen Koordinationskomitees, die sich zentral organisiert haben und für die Grundstrukturen der Revolution sorgen – wie etwa die Versorgung der Bevölkerung mit medizinischen Mitteln, Lebensmitteln und der Organisation von Demonstrationen – gibt es zahlreiche andere Initiativen. Der Drang sich zu organisieren und somit effektiv die Revolution zu unterstützen ist groß. So kursieren bereits Witze, dass sich an jeder Straßenecke ein neues Komitee zur Unterstützung der Revolution gründen würde.
Diese Initiativen von Aktivisten zeigen politische Energie und Kreativität auf höchstem Niveau, die politische Sensibilität dieser Zusammenschlüsse macht deutlich, dass sich eine nachhaltige politische Kultur entwickelt hat. In vielen syrischen Städten ist seit Monaten die Straßenreinigung und Müllabfuhr ausgefallen. Auf den Straßen außerhalb der Kernstadt von Damaskus tummeln sich Berge von Müll. Dies birgt eine große Gesundheitsgefahr. Allein für den Bereich des südlich gelegenen Stadtviertels Mukhayyam al-Yarmouk sind etliche Jugendinitiativen bekannt, die sich um die Reinigung ihres Viertels bemühen. Dies zeigt zum einen ein enormes Bewusstsein für die Implikationen einer verschmutzten Umwelt. Zudem schlüpfen diese Initiativen in die Rolle der Ordnungsmacht des Staates.
Gleichzeitig wird an den Slogans, die mit diesen Putzkampagnen verbunden sind aber auch deutlich, dass es hier nicht nur darum geht, seine Umwelt sauber zu halten und somit die eigene Gesundheit zu schützen. Der Akt des kollektiven Säuberns des eigenen Wohnviertels bedeutet vielmehr eine Aneignung dieser. Eine Aneignung von Räumen, in denen es 40 Jahre lang verboten war, Meinungsfreiheit wahrzunehmen, geschweige denn eine Demonstration zu veranstalten. Einer der Slogansder Kampagne zur Säuberung des Mukhayyam al-Yarmouk lautet etwa: „Hand in Hand für die Sauberkeit des Mukhayyams […]: Das Mukhayyam ist dein Heim, so lasse es sauber“. Diese Kampagne findet übergreifend über verschiedene Initiativen statt und wird im Internet dokumentiert.
Eine andere Initiative, die das politische Bewusstsein der Jugendlichen deutlich zeigt, ist eine Anti-Bewaffnungskampagne, die derzeit im Mukhayyam al-Yarmouk stattfindet. Auch wenn sich die Stimmung im Camp dazu gewandelt hat, dass man grundsätzlich für eine Bewaffnung der Revolution ist, unterscheidet man hier ganz deutlich, wie und wer bewaffnet werden soll. Man ist sich einig, dass man keine unsystematische Bewaffnung möchte. Es müsse eine zentrale Bewaffnung geben, so dass man einheitlich agieren kann, wenn bewaffnete Kräfte gebraucht würden. Die Bewaffnung, die derzeit im Mukhayyam al-Yarmouk stattfindet, geht von den palästinensischen Fraktionen aus. Also jenen palästinensischen Parteien, die als Lakaien des syrischen Regimes gelten können. Insbesondere die Volksfront zur Befreiung Palästinas – Generalkommando (PFLP-GC) unter Ahmad Jibril spielt hier eine große Rolle in der willkürlichen Bewaffnung von einfachen Leuten und Kriminellen, wie Aktivisten vor Ort berichten. Die Argumentation Jibrils lautet, dass das Mukhayam al-Yarmouk nur so geschützt werden kann. „Schutz wessen, wovor?“, fragen sich hingegen die Aktivisten vor Ort. Jibril steht klar mit dem Regime, somit ist die Schaffung einer eigenen Straßenmiliz als Versuch zu sehen, nicht die Kontrolle des Regimes über Yarmouk zu verlieren. Die jugendlichen Aktivisten sind sich der Konsequenzen der willkürlichen Bewaffnung vollkommen bewusst und haben deswegen die Kampagne unter der Überschrift: „Nein zum Waffen-Chaos im Mukhayyam al-Yarmouk“ gestartet:
Die Entstehung der Kampagne ist besser zu verstehen, wenn man die Beschaffenheit des Camps betrachtet: So ist das Camp aufgrund des hohen palästinensischen Bevölkerungsanteils und der Anwesenheit der verschiedenen palästinensischen Parteien im Camp hoch politisiert, hinzu kommt die hohe Bevölkerungsdichte. Die Aktivsten betonen ganz klar, dass vor diesem Hintergrund eine Bekämpfung der willkürlichen Bewaffnung im Camp nicht mit einer Gegenbewaffnung entgegenzuwirken sei. Deswegen hat man sich als Mittel der Bekämpfung dieser Bewaffnung auf eine zivile Kampagne gestützt.
Andere Beispiele sind etwa, dass man dem Mangel an medizinischem Personal entgegenwirkt, indem man selbstorganisierte Workshops veranstaltet, in welchen die Jugendlichen das Nötigste lernen, um nach Zusammenstößen mit dem Militär oder Anschlägen eine Notversorgung gewährleisten zu können. Klar ist, dass jeder, der Verletzten in so einer Notsituation hilft, selber zur Zielscheibe werden kann. Jeder, der Medikamente schmuggelt und damit an den überall in Damaskus und anderen Städten verteilten „fliegenden“ Checkpoints (hajiz tair) erwischt wird, wird sofort selbst von den Sicherheitskräften mitgenommen. Die Aktivisten packen Erste-Hilfe-Koffer, die zum sofortigen Einsatz bereit stehen. Wenn medizinisches Personal gebraucht wird, so wird dies etwa über die Lautsprecher der Minarette der Moscheen der Viertel bekannt gemacht. So werden die bestehenden Strukturen der religiösen Einrichtungen genutzt und für Zwecke der Allgemeinheit umgedeutet. So ist schnelles und selbstorganisiertes Handeln möglich. Die Nutzung dieser Strukturen und Netzwerke ist im Übrigen auch ein Hinweis darauf, dass nicht Facebook das entscheidende Kommunikationsmittel der Revolution ist.
Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Mikrokosmos der Revolution. Jeden Tag stehen die Aktivsten vor neuen Problemen und müssen Wege finden, damit umzugehen. Vor diesem Hintergrund erscheint die Revolution eigentlich erst als solche, denn diese deutlichen Graswurzelansätze und die Entwicklung und Diskussion von Kampagnen, die man umsetzen will, sind das, was eine Revolution ausmacht: eine grundlegende, dauerhafte und strukturelle Veränderung eines Systems.


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