Ein neuer Blick auf die glücklichen Demokratien – von Fawwaz Haddad

Article  •  Publié sur Souria Houria le 14 décembre 2013

Freiheit und Gerechtigkeit, für die die Syrer auf die Straße gingen, scheint der Westen nur sich selbst zuzubilligen, schreibt Fawwaz Haddad in seinem Bericht. Die westlichen Staaten, die die syrische Revolution anfangs mit großen Worten unterstützten, haben das Land jedoch aus Angst vor den Dschihadisten im Stich gelassen. Nun ist die Bevölkerung, so Haddad, dem Regime schutzlos ausgeliefert und hat jegliche Hoffnung auf Hilfe von außen verloren.

Dass der Arabische Frühling auch Syrien erreichen, dass auch in ihrem Land eine Revolution ausbrechen würde, das schien den meisten Syrern sehr unwahrscheinlich. Sollte es aber doch zur Revolution kommen, dann würde diese sicher brutal unterdrückt werden, denn schließlich toleriert das Regime weder Widerstand noch Protest.

Wir drängten deshalb zumindest auf die Durchführung von Reformen – und die Hoffnungen waren groß. Unser Optimismus war dabei keineswegs naiv. Wir hatten durchaus davon ausgehen können, dass das Regime sich in naher oder ferner Zukunft zu Reformen bereit erklären würde. Doch es entschied sich, entgegen allen Erwartungen, dafür, die Krise mithilfe der Sicherheitskräfte und der Armee zu lösen. Daraus entwickelte sich ein umfassender Krieg gegen die Bevölkerung. Nachdem es zu einer Spaltung innerhalb der Syrer kam, wurden Menschen sogar aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit getötet, und nun schien der Bürgerkrieg nicht mehr weit.

Doch weder ich noch andere hatten sich wirklich vorstellen können, dass das Regime tatsächlich keine Gräueltat aussparen würde. Systematisch und willkürlich wurde die Bevölkerung gequält, angefangen von Verhaftungen, Folter und Vergewaltigungen über Vertreibungen, Zerstörung, Hinrichtungen und Massenmord bis zur Bombardierung ganzer Städte und Dörfer aus Flugzeugen, Panzern und Kanonen. Die begangenen Verbrechen gingen sogar noch über das Töten hinaus, Leichen wurden geschändet und Wirbelstürme des Hasses entfacht, und die Menschen wurden dazu angestachelt, sich gegenseitig umzubringen … Und Tag für Tag wächst der Hass, und selbst wenn keine Steigerung mehr möglich scheint, nimmt er immer noch weiter zu.

Ich schreibe diese Worte, weil das nicht Syrien ist.
Mein altes Damaszener Wohnviertel, Bahsa, das gleich an den berühmten Sarudscha-Suk grenzt, entstand zu Beginn des letzten Jahrhunderts zwischen den beiden Moscheen Yalbugha und Tawûsija. Weil es ursprünglich am Stadtrand von Damaskus lag, nahm es viele Neuankömmlinge auf, Muslime und Christen, Armenier, Ismailiten und Schiiten. Viele verschiedene Religionsgemeinschaften und Konfessionen sowie Volksgruppen wie Türken und Tscherkessen lebten in diesem dicht besiedelten Quartier, und auch für Auswanderer aus Weißrussland war es ein Zufluchtsort.

Als unsere Nachbarin mir einmal erzählte, ihr Bruder heiße eigentlich Alexi und sie Natascha, war ich höchst erstaunt, denn wir kannten sie nur unter ihrem arabischen Namen Muntaha. Ihr Vater war während des Bürgerkriegs nach der Russischen Revolution aus Russland geflohen, und das Schicksal hatte ihn von einem Land ins andere geworfen, bis er schließlich in Beirut landete. Dort lernte er eine Damaszenerin kennen und lieben, die beiden heirateten, und gemeinsam gingen sie nach Syrien, wo die Frau einen Sohn und fünf Töchter zur Welt brachte. Und allen gaben sie zwei Namen, einen arabischen und einen russischen.

Der Grad der Verbundenheit unter den Nachbarn ging so weit, dass die Christen mit uns den Ramadan begingen, mit uns fasteten und das Fasten brachen, während die Muslime bei der Jungfrau in der Kirche von Saidnaja Gelöbnisse ablegten; manchmal ließen wir uns auch bei Doktor Tautah im jüdischen Viertel behandeln. Das Nebeneinander dieser verschiedenen Glaubensrichtungen entzweite die Menschen nicht, sie wussten auch ohne Bildung und ohne verordnete Regelungen, dass jede dieser unterschiedlichen Religionen oder Konfessionen, der ein jeder von ihnen anhing, am Ende zu Gott führte. Dabei stellte mein Viertel keine Ausnahme dar, denn dieses Phänomen war fast in ganz Syrien zu beobachten.

Ist dieses Syrien aus einer vergangenen Zeit für immer verloren?

Die Syrer wurden betrogen, denn die unvorhergesehene Revolution, die die Länder der sogenannten freien Welt in Erstaunen versetzte, erntete zunächst einmal international viel Sympathie, und die Regierungen beeilten sich, sie zu unterstützen. Die meisten Staaten der Welt wurden zu »Freunden Syriens« und sagten dem Land Hilfe zu. Doch sie zögerten zu lange, eine Lösung für die Krise zu finden, und begannen alsbald nach Vorwänden zu suchen, ihre Verpflichtungen nicht einlösen zu müssen. So zogen sie ihre Versprechen, die Zivilisten durch die Einrichtung einer Flugverbotszone und humanitärer Korridore zu schützen, zurück. Und sie stellten das Regime in diesem Streit, wie sie es nannten, auf eine Stufe mit der Opposition, als handele es sich um zwei ebenbürtige Gegner mit gleichermaßen zu berücksichtigenden Rechten.

Darüber hinaus machten sich diese Staaten die verlogene Version des Regimes zueigen, die da lautet: Der Krieg, den das Regime gegen die Bevölkerung führt, sei nichts anderes als die Ausrottung von islamistisch-terroristischen Bewegungen, die mit Al-Kaida verbunden sind. Behauptet wurde dies bereits zu einer Zeit, als es im Land weder Terror noch Al-Kaida gab.

Das syrische Volk wurde dem Tod ausgeliefert, durch Kugeln der Scharfschützen und ballistische Raketen, durch Vakuumbomben, explodierende Fässerbomben und Chemiewaffen … und sogar durch die Klingen von Messern.

Wer nicht getötet wurde, lebt unter den schrecklichsten Umständen. Glücklich schätzen kann sich, wer Zuflucht fand in einer Grotte oder Höhle, in einer Schule oder einem verlassenen Gebäude. Tausende hausen unter freiem Himmel, ohne Dach über dem Kopf. Wir sehen sie in Damaskus und in anderen Städten, sie tragen bei sich, was sie mitnehmen konnten, Geschirr, eine Matratze, ein Zudeck, ein wenig trockenes Brot und Decken, die sie auf dem Boden ausbreiten, um auf dem Bürgersteig und in den Parks zu schlafen.

Vom Glück begünstigt ist, wer auf Gottes weiter Welt vertrieben ist, aber die Welt um uns ist eng geworden; Gottes weite Welt ist nicht mehr weit.

Glücklich ist der, der es schaffte, die Grenze zu überqueren und eines der Flüchtlingslager zu erreichen, Lager auf ausgedorrtem Boden, in denen die Menschen weder vor der beißenden Kälte des Winters noch der glühenden Hitze des Sommers Schutz finden. In diese Lager fallen Abgesandte der internationalen Gemeinschaft ein, begleitet von Journalisten, Fotografen und Delegierten der internationalen Organisationen. Sie inspizieren den Zustand der barfüßigen Kinder mit ihren sonnenversengten Gesichtern und aufgesprungenen Lippen, verteilen Bonbons und Stifte …, schießen ein paar Fotos und machen sich wieder davon.

Eine Regierung nach der anderen lässt den krisengeschüttelten syrischen Freund im Stich, obwohl die Freundschaft im Licht internationaler Konferenzen geschlossen und im Namen »Freunde Syriens« selig gesprochen wurde. Die Folge ist eine Situation, in der es weder Sieger noch Besiegte gibt. Stattdessen wird an allen Fronten ein grausamer und zermürbender Krieg geführt, dessen Opfer bei internationalen Organisationen nur noch als Zahlen in Statistiken auftauchen, mit einem steten Trend nach oben. Und dies allein stellt für die in Sicherheit lebende westliche Welt den einzigen Makel dieses Kriegs dar.

Der Westen weiß nur allzu gut, warum die Revolution sich erhob, kennt er das Regime doch besser als das Regime sich selbst. Genauso ist der Westen darüber informiert, unter welcher Art von Misshandlung und Demütigung das syrische Volk über vierzig Jahre lang litt und welche Massaker während der Revolution verübt und welche enormen Zerstörungen angerichtet wurden, denn westliche Experten und Kommentatoren beschrieben die syrische Katastrophe als die größte Tragödie im 21. Jahrhundert.

Die exemplarische Bestrafung der jugendlichen Demonstranten durch das Regime trieb diese jungen Leute im Laufe der Zeit in die Arme der bewaffneten Revolutionäre. Unter Artilleriebombardement hatten die jungen Männer den Geschmack der Freiheit gekostet, und nun gab es für sie kein zurück mehr. Doch weil sie keinen Beistand fanden außer Gott, ist immer und überall laut ein Satz zu vernehmen, der auf den Demonstrationen gerufen wird und sich seinen Weg kraftvoll in den tiefschwarzen Himmel bahnt: »O Gott, wir haben niemanden außer dir … O Gott!«

Ein junger Mann schrieb einen Brief an seine Familie. Darin verabredete er mit ihr einen Termin, in der Hoffnung, sich im Paradies wiederzusehen. Im selben Brief legte er seiner Familie ans Herz, an Gott zu glauben und zu beten. Er aber werde diese düstere und ungerechte Welt bald verlassen. Und er habe nur eine Bitte an Gott, Den er niemals gesehen, Der ihm aber etwas versprochen habe: das Paradies, wie es in Seinem wertvollen Buch, dem Koran, glaubhaft verheißen werde. Er tat, was er tun musste und opferte sein Leben für die Freiheit, die sein Volk erlangen wird.

In Wahrheit können die Religionen ihren Gläubigen nichts anderes bieten als das fiktive Paradies, das das Regime den Märtyrern vorenthalten will. Und weil niemand dieses Paradieses jemals ansichtig wurde, kennt die religiöse Fantasie in seiner Beschreibung keine Grenzen, um es den Menschen begehrlich zu machen. Was sie im Diesseits vermissen, werden sie im Jenseits finden. Für die Gläubigen ist das Paradies indes ein wirklicher Ort, mehr noch als die reale Welt. Das Jenseits ist das »Haus des Verweilens«, während die irdische Welt das »Haus der Vergänglichkeit« ist. Die Mudschâhidîn, die ihr Leben opfern, sind indes nicht anspruchsvoll, sie sehnen sich nur danach, nach ihrem Erwachen vom Tod mit dem Propheten Muhammad das Mahl einzunehmen und im Monat Ramadan mit ihm das Fasten zu brechen.

Der Glaube, der die Syrer zu Gottesfurcht und hohen Moralvorstellungen anspornt, ruft bei ihnen die Sehnsucht nach dem Märtyrertum hervor. Denn die Konfrontation mit dem Tod bedeutet, dass der Dschihad ihre Brücke zum Jenseits ist, oder zur Freiheit.

Die bisher schlichte, aber tiefe Religiosität nimmt allmählich Züge von Unerbittlichkeit an, die sich im vertrauten Umgang mit dem Tod zeigt. Der Tod ist ein enger Begleiter des Menschen geworden und kann sich jeden Augenblick einstellen. Ein junger Mann, der seinen toten Bruder begraben und anschließend an dessen Seite ein Grab für sich selbst ausgehoben hatte, beerdigte einige Tage später einen anderen Toten darin. Ein Kind aus dem Viertel Baba Amru in Homs schenkte während der Belagerung seinem Bruder ein weißes Leichentuch zum Geburtstag. Der Tod scheint keiner Familie den Verlust eines oder zweier Menschen zu ersparen. Und wenn eine Granate auf ein Haus stürzt, wird gar eine ganze Familie getötet. Nur, wer gerade nicht zu Hause war, bleibt verschont – wie der Vater, der von der Suche nach Brot heimkam. Seine gesamte Familie hatte unter den Trümmern ihr Leben verloren, und der Tod schien ihm nun erträglicher zu sein als das Leben.

Dieses weit verbreitete Todes-Szenario hindert die Syrer indes nicht daran, sich dem Leben zuzuwenden. Täglich werden Hunderte Witze in den Sozialen Netzwerken verbreitet, selbst mitten aus den am schlimmsten betroffenen Regionen, wie der belagerten und unter Bombardierung leidenden Stadt Homs. Ganz abgesehen von den Karikaturen und den witzigen Spruchbändern, durch die unbekannte Künstler aus Kafranbel berühmt wurden hier. Selbst als in Douma die Zivilisten von Flugzeugen aus bombardiert wurden, und täglich schwere Verluste mit Dutzenden Toten zu beklagen waren, gingen die Frauen in dieser konservativen Ortschaft auf die Straße und riefen: »Kein Donnerstagsbad bis zum Sturz des Regimes!«, ein deutlicher Hinweis darauf, dass sich die Frauen ihren Männern verweigern, bis der Präsident gestürzt ist – was uns das Stück »Die Weibervolksversammlung« von Aristophanes in Erinnerung ruft.

Angesichts einer modernen Form der Schwarzen Komödie – wenn auch auf schlechterem Niveau – zeigt sich der Umgang der Syrer mit der Tragödie in ihrer Ironie … auf schlechtem Niveau, weil hier der Getötete beschuldigt und dem Mörder verziehen wird. Während der Westen die Syrer aufgegeben hat, haben Russland und Iran das Regime nicht im Stich gelassen. Nun warten die Syrer nicht mehr auf den amerikanischen Godot, der nicht kommen wird, und von Europa erhoffen sie sich gleichfalls nichts mehr …

Verallgemeinernd lässt sich konstatieren, dass sich die öffentliche Meinung im Westen dazu entschieden hat, die syrische Tragödie aus der Perspektive ihrer Regierungen zu betrachten. Damit hat sie sich auf die Seite des Mörders gestellt. Der Ermordete hingegen verdient nach Meinung des Westens den Tod, weil er Muslim ist, selbstmörderisch veranlagt, oder ganz einfach, weil er einen Bart trägt. Es ist einer der seltenen Fälle, in denen die Völker im Westen mit ihren Führungen übereinstimmen, ohne dass der Anblick Hunderter getöteter Kinder und zu Tode gefolterter Menschen sie irgendwie berührt.

Die Syrer sind gereift, ohne älter geworden zu sein. Sie lernten die Welt kennen und verloren ihre Illusionen, denn durch die Revolution entdeckten sie das andere Gesicht der glücklichen Demokratien. Wenn diese freie Welt Freiheit und Gerechtigkeit heiligt, sie aber für sich selbst monopolisiert, dann klagen genau diese Werte sie an, solange ein mörderisches Regime ignoriert wird, das mit seiner Militärmaschinerie täglich Menschen mordet und Häuser dem Erdboden gleichmacht. Die Welt ist weder vernünftig noch menschlich, wie wir annahmen. Doch nur die Syrer leben in dieser grauenhaften Realität. Aber wird der Mörder mit seinen Verbrechen davonkommen?

Die Syrer bewegen sich innerhalb unsichtbarer Systeme. Genauso wenig wie sie Gott sahen oder das Paradies oder die Engel, genauso wenig begegneten sie der Gerechtigkeit. Weder waren sie vom Glück begünstigt, noch machte der Ort ihrer Geburt oder die Herrschaftsform sie glücklich, indem es ihnen vergönnt wurde, der Gerechtigkeit auf Erden zu begegnen. Was sie aber aus nächster Nähe erfuhren und mit eigenen Augen sahen, das sind die Unterdrückung, die Geheimdienste, die Spitzel und die Gefängnisse. Und was sie ganz konkret erleben, sind Folter und Tod … und eine egoistische Welt, die sich nur von ihren engstirnigen Interessen leiten lässt. Diese Interessen fügen sich einer abscheulichen Vernunft, welche sich ausschließlich ums Öl schert, nicht aber um die Menschen.

Aus dem Arabischen von Larissa Bender

source : http://faustkultur.de/1526-0-Haddad-Ein-neuer-Blick.html#.UqoayByU-Mj

date : 25/11/2013

Fawwaz Haddad. Foto: Larissa Bender



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