Flucht nach Europa: „Mein Akku ist gleich leer“ – von Sarah

Article  •  Publié sur Souria Houria le 21 janvier 2016

Als sich die deutsche Journalistin Julia Tieke mit dem syrischen Aktivisten Fayez Ramadan in Gaziantep, nahe der syrischen Grenze, zum Gespräch trifft, hatte seine Flucht aus Syrien und die Verfolgung durch den IS schon längst begonnen. Julia Tieke traf auf einen Menschen, der noch nicht wußte, dass er am Anfang einer langen Reise steht, der aber schon längst tief verwurzelt war in eine Geschichte aus Verfolgung und Flucht. Deshalb entstand ein Beitrag, der zunächst nur als einmaliger Bericht über einen syrischen Medienaktivisten für Deutschlandradio Kultur geplant war, zu einer langen Fluchtgeschichte, einer monatelangen Odysee durch Südeuropa. Jetzt ist Fayez in Deutschland und der Chat zwischen ihm und Julia Tieke, der während seiner Flucht von der Türkei nach Europa entstand, ist in dem Buch „Mein Akku ist gleich leer“ veröffentlicht. 

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Fayez ist ein Medienaktivist der ersten Stunden der Revolution in Syrien. 2011 schloss er sich den Protesten für Freiheit, Demokratie und Würde an und dokumentierte in seiner Heimatstadt Membidsch die Menschenrechtsverletzungen durch das Assad-Regimes. Nach dessen Rückzug baute er mit der Unterstützung von Adopt a Revolution das Zentrum für Zivilgesellschaft auf und half, einen Sender für ein lokales Radio, finanziert aus den Mitteln der deutschen Bundesregierung, aufzustellen. Doch aufgrund seines zivilgesellschaftlichen Engagements bedrohte ihn der IS mit der Enthauptung via Facebook, nachdem sie dauerhaft die Kontrolle über die Stadt hatten. Man müsse ja nicht gleich seinen Kopf verlieren, wie er uns einst sarkastisch mitteilte, dennoch war die Gefahr so groß, dass er in die Türkei flüchtete. Weil ihn dort die Perspektivlosigkeit einholte, entschloss er sich zur Flucht nach Deutschland. Auf diesem Weg entstand der beeindruckende und bewegende Chat via Facebook über die (Un-)Menschlichkeit der Flucht.

Handy-Aufladestation syrischer Geflüchteter irgendwo in Mazedonien Foto: Fayez

Handy-Aufladestation syrischer Geflüchteter irgendwo in Mazedonien Foto: Fayez

Über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien schlägt sich Fayez gemeinsam mit weiteren syrischen Geflüchteten. Immer wieder aufs Neue droht die Reise zu scheitern, sie werden verhaftet, geschlagen und zurückverfrachtet. Oft laufen sie vierzig Kilometer lange Fußmärsche mit unbekanntem Ziel. Nächtelang leben sie zwischen Bäumen in Wäldern und Fayez ringt um seine Zuversicht. Julia spricht ihm immer öfter Mut zu, als dessen so für ihn charakteristischen Sarkasmus in offene Verzweiflung übergeht. In dieser Zeit wird das Handy zur einzigen Außenkommunikation und zur Anbindung an eine Welt, die er noch nicht erreicht hat, die aber schon allgegenwärtig ist. Umso beunruhigender ist die Funkstille, wenn Fayez wieder einmal aufgegriffen und tagelang in Gefängnissen mit unmenschlichen Zuständen festgehalten wird oder auch einfach nur – der Akku leer ist.

Fayez zeigt in dem Chat die Enttäuschung über ein Europa, dass ihn erst unterstützte und als er tatsächlich lebensrettende Hilfe benötigte, ihm den Zugang verwerte. So entstand ein ehrliches Dokument eines Zeugen, der der entblößenden Flüchtlingspolitik Europas ausgesetzt war.

Leseprobe
Julia Tieke / Faiz
Mein Akku ist gleich leer. Ein Chat von der Flucht

Im Wald
3. Oktober 2014
Julia: Salam, Faiz. Wo bist du? Ich hab von unserem Freund Hozan gehört, dass du unterwegs bist.
4. Oktober 2014
Faiz: Ich bin in Mazedonien, im Dschungel. Vielleicht gehe ich zurück nach Griechenland.
Julia: Kann ich dich irgendwie unterstützen?
Faiz: Ich weiß nicht. Wir leben wie Affen, zwischen den Bäumen.
Es ist unmöglich, nach Serbien zu gelangen. 14 Tage, inmitten von Bäumen.
Julia: Ich habe eine gute Freundin mit Freunden in Mazedonien. Ich ruf sie noch heute an. Wahrscheinlich leben die in Skopje.
Später am Tag
Julia: Es tut mir leid, dass du das alles durchmachen musst.
Skopje ist etwa 140 Kilometer weit weg von dort, wo du jetzt laut Facebook bist.
Faiz: Mein Akku ist gleich leer. Vielleicht gehe ich zur Polizei. Um diese furchtbare Reise zu beenden und nach Athen zurückzugehen.
Julia: Oh. Sie würden dich einfach zurück nach Athen schicken?
Faiz: Ja. Nachdem sie uns geschlagen haben.
Julia: Kannst du dein Handy aufladen?
Ich kann versuchen, über diese Freunde Geld zu schicken.
Faiz: Neiiiiin! Ich brauche kein Geld.
Julia: Ok.
Faiz: Wir müssen Menschen bleiben. Nur das.
Julia: Ja.
Faiz: In dieser schrecklichen Welt.
Julia: Du bist ganz sicher ein Mensch!
Faiz: Ja.
Julia: Du wirst also nach heute erstmal nicht mehr schreiben können?
Faiz: Ich werde probieren, das Handy in irgendeinem Dorf aufzuladen.
Julia: Versucht jemand aus Deutschland, dich hierherzuholen?
Faiz: Ist das möglich?
Julia: Ich bin mir nicht sicher. Ich werde es herausfinden.
Faiz: Ich schicke dir Fotos.
Julia: Ich weiß nicht, was ich sagen soll.
Faiz: Mach dir keine Sorgen.
Julia: Frohes Fest euch allen.
Faiz: Frohes Fest dir. Und vielen Dank.
Julia: Ich werde mich über die Leute in Mazedonien schlau machen.
Sind die anderen dort, bei dir, Syrer?
Faiz: Alles Syrer.
Julia: Ich schreibe, wenn ich mehr weiß. Halt mich auf dem Laufenden.
Faiz: Sag das nicht, also das mit der Unterstützung.
Julia: Ok. Warum nicht?
Faiz: Neiiiiin! Auf keinen Fall!
Julia: Wir brauchen alle manchmal Unterstützung.
Faiz: Ja, manchmal. In etwa fünf Minuten ist mein Akku leer.

 



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