Humor unter Assad: « Kommt ein Tourist nach Syrien … »

Article  •  Publié sur Souria Houria le 11 juin 2017

Wie ist das, wenn jede Kritik an der Regierung ins Gefängnis führen kann? Dann erzählen sich die Leute heimlich Witze und protestieren mit leeren Margarinepackungen. Zwei Syrer berichten.

Protokoll: Hannah Beitzer, Übersetzung: Ghied Alhashmy

Welche Rolle spielt Politik im syrischen Alltag? Mohammed, 57Jahre, und Ali, 30, sind bei unserem Gespräch in einem Berliner Café sehr vorsichtig. Ihre echten Namen sollen nicht in der Zeitung stehen, auch ihre Berufe wollen sie lieber geheim halten. Ali verrät immerhin, dass er aus Homs kommt, Mohammed schweigt auch dazu. Politik ist immer noch ein heikles Thema für die beiden Syrer, die seit einem halben Jahr in Berlin leben. Sie sind sich sicher: Das Regime liest auch hier in Deutschland mit.

Mohammed: Ich kann mich noch gut erinnern, als Hafiz al-Assad – der Vater des heutigen Machthabers Baschar – 1971 die Macht ergriff. Seit diesem Zeitpunkt haben unsere Eltern uns Jüngeren immer eingeschärft: Redet bloß nicht über Politik! Es gab von da an eigentlich nur noch Assads Baath-Partei. Formell waren da noch andere, mit ihr verbündete Parteien, aber deren Mitglieder wurden drangsaliert. Alle, die anders dachten als Assad, haben in der Öffentlichkeit den Mund gehalten. Sonst hätten sie im Gefängnis landen können. Man musste damals schon sehr großes Vertrauen in einen Freund haben, um politische Themen mit ihm zu diskutieren. Selbst in den Familien haben die Älteren nur über Politik geredet, wenn die Jüngeren in einem anderen Raum waren.

Ali: Die Wände haben Ohren! Das hat man mir auch immer gesagt. Entweder man lobte die Baath-Partei, oder man hielt den Mund. Wobei sich mit dem Machtwechsel zu Baschar al-Assad im Jahr 2000 schon ein bisschen was geändert hat. Die Märsche zu Ehren des Regimes sind zum Beispiel weniger geworden. Seitdem durfte man auch über die Behörden schimpfen, manchmal sogar auf die Minister. Alles, was in der Hierarchie darüber war, war aber weiterhin tabu.

Mohammed: Das stimmt! Früher durfte man sich nicht einmal über einen Stromausfall beklagen – da hat einen sofort das Regime geholt.

Ali: Das hat Baschar uns immerhin gebracht: Wir durften über einen Stromausfall meckern, ohne ins Gefängnis zu kommen! Dafür wurde auf meine Generation ein unglaublicher Druck ausgeübt, der Baath-Partei beizutreten. Als ich in der neunten Klasse war, hat unser Lehrer ein Formular ausgeteilt, das wir ausfüllen sollten: unsere Namen, dazu Daten über unseren Lebenslauf. Und unten drunter stand auf einmal: Hiermit erkläre ich meine Mitgliedschaft in der Baath-Partei. Ein Mitschüler, dessen Vater Kommunist war, hat sich geweigert zu unterschreiben. Erst wurde er verwarnt, dann wurde sein Vater zum Verhör geholt.

Mohammed: Das Regime wollte Loyalität von oben erzwingen. Auf jeder Versammlung wurden der Vater Führer und der Bruder Führer – also Hafiz und Baschar al-Assad – gepriesen. Vor allem der Führerkult um Hafiz al-Assad vor dessen Tod war wie in Nordkorea. Man durfte nicht einmal ein Bild von ihm von der Wand nehmen und an eine andere Stelle hängen. Nach seinem Tod und der Machtübernahme von Baschar wussten daher viele gar nicht, was sie machen sollen: Hafiz’ Bild abhängen und das von Baschar aufhängen? Die Leute haben die Bilder dann einfach daneben gehängt. So richtig funktioniert hat das mit der Loyalität aber nicht. Die meisten Mitglieder der Baath-Partei waren nicht aktiv. Und die Leute wehrten sich auf ihre Weise. In Damaskus steht zum Beispiel eine Statue von Hafiz al-Assad mit ausgestrecktem Arm. Als einmal die Lebensmittel knapp waren, haben irgendwelche Leute ihr nachts eine leere Margarinepackung in die Hand gesteckt. Danach gab es eine riesige Fahndung nach den Tätern!

Ali: Es gab viele politische Witze, die sich die Leute im Geheimen erzählt haben. Zum Beispiel den hier: Kommt ein Tourist nach Syrien und wird herumgeführt. « Hier haben wir den Assad-See, da ist der Assad-Damm, das ist der Assad-Saal und hier ist die Assad-Bibliothek. » « Assad » heißt auf Arabisch Löwe. Fragt also der Tourist: « Gibt’s hier denn auch noch andere Tiere? »

Mohammed: Oder einen aus der Zeit der Lebensmittelknappheit. Damals konnte man nur mit Wertmarken in den Supermärkten einkaufen, die Regale waren leer. Einmal kommt also ein Mann in einen Supermarkt und die Regale sind reich bestattet, niemand fragt nach seinen Marken. Er packt sich den ganzen Einkaufswagen voll, rollt freudestrahlend zur Kasse, wird durchgelassen – und erst kurz vor dem Eingang von einem Mann gestoppt: « Vielen Dank, die Dreharbeiten sind jetzt zu Ende. » Seit Baschar al-Assads Machtübernahme gab es sogar Witze und Kritik an der Regierung in den Zeitungen. Allerdings war das keine echte Kritik, sondern nur ein Ventil für die Unzufriedenheit der Leute. Das hat sich nach der Revolution gezeigt. Denn da haben sich viele der angeblich kritischen Journalisten sofort auf die Seite des Regimes geschlagen.

Ali: Ich hätte ja nie gedacht, dass es bei uns überhaupt zu einer Revolution kommen kann. Ich dachte, dass es unser gottgewolltes Schicksal ist, in Unterdrückung zu leben. Doch irgendwann kam die Hoffnung. Ich habe zum Beispiel auf der Arbeit gemerkt, wie meine regimetreuen Kollegen nervös wurden. Einmal ging ein Video von einer Demonstration herum, auf der ein Mann ein Plakat von Baschar al-Assad von der Wand riss. Ein Kollege, der dem Regime nahesteht, hat mich dann ganz fest in den Arm geboxt und mich drohend gefragt: « Na, was hältst du davon? » Die Leute auf der Arbeit wussten schon, dass ich dem Regime kritisch gegenüberstehe.

Mohammed: Die Revolution hat dazu geführt, dass die Leute ihre Angst abgelegt haben. Das Regime hat zum Beispiel Menschen gefoltert und sie danach auf die Straße geschickt – zur Abschreckung. Doch davon sind die Demonstrationen immer noch größer geworden. Die Menschen haben gemerkt: Unterdrückung ist nicht unser Schicksal!

Ali: Im Nachhinein muss man allerdings zugeben, dass der Krieg die logische Folge der Revolution war. Die Assad-Familie hat das Land so lange kontrolliert, das geben sie nicht so einfach auf. Ich bin auch auf Demonstrationen gegangen. Irgendwann bin ich verhaftet worden und saß neun Monate im Gefängnis. Ich weiß bis heute nicht genau, warum. Ich glaube eigentlich nicht, dass es wegen der Demonstrationen war. Entweder hat mich ein Kollege denunziert. Oder es liegt daran, dass ich keinen Militärdienst gemacht habe. Danach stand jedenfalls für mich fest, dass ich in Syrien nicht bleiben kann.

Mohammed: Diese Unsicherheit ist schlimm! Wenn man verhaftet wird, weiß man nie, woran es liegt. Ich bin auch einmal verhört worden. Ich wurde zu einer bestimmten Uhrzeit bestellt, dann saß ich erst einmal stundenlang auf einem Stuhl. Keiner hat mich aufgerufen, keiner sich um mich gekümmert. Ich habe einfach nur gewartet. Das macht einen wahnsinnig, weil man sich alles Mögliche ausmalt. Genau das will das Regime: dass man verrückt wird. Als der Krieg begann und die politische und wirtschaftliche Lage immer schlechter wurde, habe auch ich beschlossen, zu gehen. Mein Bruder lebt schon viele Jahre in Deutschland und hat schon lange vor der Revolution gesagt: Komm doch hierher! Früher wollte ich das nicht. Aber nun bin ich da.

Ali: Ich würde gerne irgendwann zurück nach Syrien. Allerdings geht das nur, wenn das Regime den Krieg verliert, was im Moment nicht so aussieht. Das Wichtigste ist erst einmal, dass das Blutvergießen aufhört, egal wie. Das ist aber nur meine Meinung, viele sehen das sicher anders.

Mohammed: Ich würde auch gerne zurück. Und ich glaube immer noch daran, dass die Revolution siegen wird.

 



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