ISIS im Irak – Katastrophe für Syrien – von Andre Find

Article  •  Publié sur Souria Houria le 20 juin 2014

Für die Radikalislamisten von ISIS muss letzte Woche ein Traum in Erfüllung gegangen sein. Die Gruppe, der das al-Kaida-Netzwerk nicht mehr radikal genug war, kontrolliert in Syrien bereits seit gut einem Jahr die Großstadt ar-Raqqa und weite Gebiete im Norden des Landes. Vom Assad-Regime weitgehend unbehelligt konnten sie sich dort eine Machtbasis aufbauen. Zudem haben sie der Bevölkerung ein streng islamisches Reglement auferlegt und bekämpfen jede zivile und militärische Opposition mit äußerster Härte. Doch mit der Übernahme von Mosul, der zweitgrößten irakischen Stadt, der Provinzhauptstadt Tikrit und zusammengenommen rund einem Drittel der Landesfläche des Irak kommen die Dschihadisten ihrem Programm, angelegt in ihrem Namen “Islamischer Staat im Irak und Syrien”, deutlich näher.

Erfolge im Irak machen ISIS mächtig

Mit ihrem schnellen militärischen Erfolg im Irak konnten sich die Kämpfer riesige Ressourcen sichern. Die militärisch eigentlich deutlich überlegene irakische Armee gab binnen Stunden die Kontrolle über die Millionenstadt Mosul und die angrenzenden ölreichen Gebiete auf. Schon jetzt finanziert die Gruppe ihre Kriege durch den Verkauf von syrischem Erdöl, die neuen Ressourcen aus dem Irak werden neues Geld in ihre Kassen spülen. ISIS gilt inzwischen als die vermögendste Terrororganisation der Welt, denn hinzu kommt die Erbeutung von Währungsreserven im Wert von 450 Millionen Dollar, sowie Militärfahrzeuge, Hubschrauber, schwere Waffensysteme und riesige Bestände an leichten Waffen und Munition aller Art, die 30.000 übereilt abziehende irakische Soldaten zurückgelassen haben. Die dschihadistische Kampfkraft wird sich folglich erheblich steigern.

Besonders die Bevölkerung in Syrien wird wohl mittelfristig besonders unter dem Erstarken der Dschihadisten zu leiden haben, auch wenn der Vormarsch kurzfristig besonders im Irak katastrophale Auswirkungen hat. Militärfahrzeuge und schwere Waffen wurden von ihnen sofort über die Grenze nach Syrien verlegt. Denn während die Terroristen im Irak mit Gegenangriffen der irakischen Streitkräfte mit Unterstützung des Irans oder möglicherweise sogar mit Luftschlägen der USA rechnen müssen, lässt sie die Assad-Diktatur jenseits der Grenze weitgehend gewähren. Beispiel? Während ISIS die schweren Waffen über die Grenze schaffte, wo sie in der Wüste einfache Ziele für die Luftwaffe wären, warf die Assad-Armee lieber Fassbomben auf Wohngebiete in Aleppo und Damaskus.

Unterstützung von Assad, Ignoranz aus dem Westen: Der Aufstieg der Dschihadisten

Dem Regime aus Damaskus passt es in die Strategie, dass die Dschihadisten sowohl gegen die kurdische Autonomie im Nordosten als auch gegen die so genannte gemäßigte Opposition vorgehen. Seit Januar konnte sich eine breite Allianz der Bewaffneten mangels Kampfkraft kaum gegen ISIS durchsetzen. Die Terrorgruppe gilt zum einen als kampferfahren und diszipliniert, weil sie in ihren Reihen hunderte radikalreligiöse Eiferer aus der ganzen Welt hat, nicht nur aus europäischen Staaten, sondern auch Veteranen aus Libyen, Tschetschenien und Afghanistan. Zum anderen ist ISIS relativ gut ausgerüstet – ein Ungleichgewicht, das sich nach den Eroberungen aus dem Irak noch einmal deutlich verschärfen dürfte.


Video: Dschihadisten transportieren irakisches Kriegsgerät nach Syrien.

Die Gründe des Aufstiegs sind vielfältig, aber das Assad-Regime und die beständige Nicht-Politik des Westens gegenüber spielen darin gleichsam eine gewichtige Rolle. Assad hat dazu beigetragen, indem er die Islamisten gewähren ließ und ihnen so eine sichere Rückzugsbasis geschaffen hat. Die westlichen Regierungen wiederum ließen Assad gewähren und haben es vollständig versäumt, diejenigen in Syrien zu stärken, die sich einer Radikalisierung entgegen stellen würden: Die kurdische Selbstverwaltung im Nordosten genauso wie die syrische Opposition oder zivile AktivistInnen, die in der Tradition des Aufstands gegen das Assad-Regime handeln und der toleranten syrischen Gesellschaft verpflichtet sind. Nicht von ungefähr fühlen sich die AktivistInnen von der westlichen Außenpolitik aufs sträflichste vernachlässigt.

Das alles ist eine Katastrophe für Bevölkerung und zivile Bewegung in Syrien. Vorläufig konzentrieren sich die Dschihadisten zwar auf ihren Vormarsch im Irak und haben deswegen die Kämpfe an mehreren Orten in Syrien vorübergehend eingestellt. Doch ihre neue Macht werden sie dort bald einsetzen im Kampf gegen Freiheit, Demokratie und aus ihrer Sicht Ungläubige. In Städten, die ISIS einnimmt, werden Tabakstuben und Alkoholgeschäfte niedergebrannt, Kopftuchzwang und Scharia eingeführt und wer gegen die von ihnen vorgegebenen religiösen Gesetze verstößt muss mit drakonischen Strafen rechnen. Öffentliche Hinrichtungen, auch Kreuzigungen oder Köpfungen, bedrohen auch AktivistInnen, die sich für Toleranz, Demokratie und Menschenrechte einsetzen.

Nächste Ziele: Bagdad, Syrien und darüber hinaus

Was in ar-Raqqa bereits Realität ist, bedroht bald auch die Gesellschaft in der liberalen kurdischen Selbstverwaltung im Nordosten Syriens und mit großer Sicherheit große Teile der Provinz Dair ez-Zur, nahe der Grenze zum Irak. Bald dürfte die relative Ruhe vorbei sein, die die Menschen dort genießen, wo der syrische Bürgerkrieg derzeit kaum hinreicht. Nicht nur soll nach Vorstellung von ISIS die Staatsgrenze Makulatur werden, sondern sich die Menschen einer radikalreligiösen Gesellschaft unterordnen. Und wenn das Kalifat vom Mittelmeer bis nach Bagdad einmal steht, werden auch angrenzende Staaten mit einer liberalen Gesellschaft zu Ziel werden.

Die junge syrische Zivilgesellschaft streitet noch an vielen Stellen gegen die jahrzehntelange Assad-Diktatur und ihre Hinterlassenschaften. Und sie streitet gegen den Aufsteigenden religiösen Fanatismus. Sie braucht unsere Hilfe – sonst droht sie zu verlieren.

 

source : https://www.adoptrevolution.org/isis-im-irak/

date : 17/06/2014



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