Kampf gegen einen Kampf der Religionen – von Silvia Stöber, tagesschau.de

Article  •  Publié sur Souria Houria le 17 juin 2012

Syrische Künstlerin engagiert sich gegen den Bürgerkrieg

In Syrien droht aus dem Kampf um Demokratie ein Bürgerkrieg zu werden, in dem auch der Kampf um die Religion eine Rolle spielt. Und genau dies beabsichtige die Führung um Präsident Assad, sagt die Oppositionelle Fadwa Suleiman. Sie gehört zwar wie Assad zur alawitischen Minderheit, musste aber aus Syrien fliehen.

Ein wolkenloser Sommermorgen, eine leichte Brise weht über die Hotelterrasse in der georgischen Hauptstadt Tiflis: Doch was Fadwa Suleiman, 35 Jahre alt und Gegnerin des Assad-Regimes in Syrien, zu erzählen hat, steht in starkem Kontrast zu dem fröhlich blauen Himmel. In Syrien war Suleiman eine bekannte Schauspielerin – heute lebt sie im Exil. Denn wie viele andere Intellektuelle schloss sie sich dem Protest gegen die Regierung von Präsident Baschar al Assad an, um für mehr politische Freiheiten zu kämpfen. Doch nicht nur als Frau spielt sie eine besondere Rolle in dem überwiegend von Männern geführten Aufstand. Sie gehört außerdem, wie die Präsidentenfamilie Assad, der religiösen Minderheit der Alawiten an.

Je gewalttätiger der Protest in den vergangenen Monaten wurde, desto stärker engagierte sie sich dafür, dass der Aufstand nicht in einen ethnisch und religiös motivierten Bürgerkrieg zwischen der mehrheitlich sunnitischen Bevölkerung und den religiösen Minderheiten wie den Alawiten umschlägt.

Panzer töten auch Alawiten

Suleiman widerspricht der gängigen Meinung, dass alle Alawiten zu den Herrschenden in Syrien zählen. Dem Vater des Präsidenten, Hafiz al Assad, sei es nicht gelungen, alle Alawiten zu loyalen Soldaten seines Sicherheitsapparates zu machen, sagt sie. Viele Angehörige dieser Glaubensrichtung hätten Oppositionsparteien angehört – bis Hafiz al Assad 1982 nach dem Massaker von Hama alle Regierungsgegner zum Schweigen gebracht habe. Umgekehrt hätten viele sunnitische Geschäftsmänner und Geistliche die Führung um Assad unterstützt.

  • Die Kräfteverhältnisse in Syrien
    tagesthemen 22:15 Uhr, 08.03.2012 [Jenni Rieger, SWR]
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Auch jetzt beteiligten sich viele Alawiten am Widerstand. Sie nehmen an Protesten in Damaskus und Homs teil oder verstecken in ihren Dörfern gesuchte Kämpfer, erzählt Suleiman. « Am Anfang wollte das Regime den Minderheiten nichts zuleide tun, um sie auf seiner Seite zu halten und um ihnen zu verstehen zu geben, dass es eine islamische Revolution ist und das Regime sie beschützt. » Aber als Assad angefangen habe, Panzer auf Demonstranten schießen zu lassen, seien auch protestierende Alawiten getötet worden.

Sunniten und Alawiten in Syrien

Die große Mehrheit der Syrer sind sunnitische Moslems. Präsident Baschar al Assad gehört der Minderheit der Alawiten an, einer Konfession innerhalb der Schiiten. Assad und sein Vater und Vorgänger Hafiz al Assad besetzten in den vergangenen 40 Jahren Schlüsselpositionen mit Alawiten, sodass die Mehrheit der 22 Millionen Syrer von einer Minderheit regiert wird. Der größte Teil der Aufständischen rekrutiert sich aus den Sunniten.

Ein religiöser Bürgerkrieg wäre das Ende der Revolution

« Die Regierung will es so aussehen lassen, als ob die Alawiten die Morde an den Regierungsgegnern begehen, sodass die Menschen es für einen Konflikt zwischen den Konfessionen halten. » Vielen Syrern sei dies bewusst, und sie versuchten, das Land vor einem Bürgerkrieg und einer konfessionellen Trennung zu bewahren. « Denn allein die syrische Regierung und ihre Verbündeten würden davon profitieren. Würde es ihnen gelingen, dann verlören wir die Revolution », ist sich Suleiman sicher.

Hintergrund

Hunderte Menschen in der Ummayaden-Moschee im Zentrum von Damaskus (Archiv) (Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)
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Mit dieser Botschaft ging die Schauspielerin im November 2011 in die Protesthochburg Homs und versuchte, die Menschen von einem Kampf ohne Gewalt zu überzeugen. Sie forderte Sunniten, Alawiten und die anderen Minderheiten auf, sich zu verständigen. Sie müssten sich klarmachen, dass sie alle Opfer des Regimes seien und nur Assad von Gewalt zwischen ihnen profitiere.

Die Führung um Assad setzte eine Belohnung auf sie aus. Danach übernachtete Suleiman jede Nacht in einem anderen Haus. Als sie nach Damaskus gekommen sei, hätten an jeder Ecke Polizisten gestanden, berichtet sie. Schließlich sei sie aus Syrien geflohen, weil sie die Menschen nicht gefährden wollte, die sie beschützten.

Gegen eine militärische Intervention

Anti-Assad-Proteste in Syrien (Foto: REUTERS)Großansicht des BildesAnti-Assad-Demonstration in Syrien: An den Protesten beteiligen sich auch Angehörige der alawitischen Minderheit im Land.Im Ausland setzt sie ihren Kampf für einen friedlichen Wandel fort. Ihre Botschaft an die internationale Gemeinschaft ist klar: Sie sei, wie viele andere Syrer auch, gegen eine militärische Intervention. Stattdessen solle die internationale Gemeinschaft einen Dialog mit allen Gruppen in Syrien, auch der syrischen Armeeführung und der Freien Syrischen Armee aus desertierten Soldaten organisieren. Die einzige Lösung sei eine Übergabe der Macht Assads an eine Übergangsregierung. Diese könne von einem Mitglied der jetzigen Regierung geführt werden, das kein Blut an den Händen habe. Vor allem aber dürften andere Staaten keine Waffen mehr nach Syrien liefern, ob an das Regime oder an die oppositionelle Freie Syrische Armee.

Am Ende erklärt Suleiman, das syrische Volk habe eine lange Tradition des Zusammenlebens verschiedener Kulturen. Es wolle in die zivilisierte Gesellschaft zurückkehren und nicht länger von Assads Führung stranguliert werden. Suleiman wirkt kämpferisch. Sie habe ihre Botschaft schon so vielen Journalisten erzählt, sagt sie mit einem freundlichen, aber müden Blick. Doch viel mehr erschöpften sie die täglichen Nachrichten aus Syrien. Deshalb wolle sie erst ruhen, wenn Assad die Macht abgeben habe.

Source : http://www.tagesschau.de/ausland/syrien1636.html



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