Kriegsalltag in Damaskus. Aufstand der Zuckerbäcker. par Nadia Bitar

Article  •  Publié sur Souria Houria le 16 juin 2012

Das Viertel Midan im Zentrum der syrischen Hauptstadt steht unter strenger Bewachung des Regimes. Einst war es bekannt für die besten Süßigkeiten, nun gilt es als Hort des Widerstands. Täglich gibt es Gefechte, die Menschen trauen sich kaum noch auf die Straße. Besuch in einer Geisterstadt.

Seit zwei Monaten spielt sich Nabilas* Leben hauptsächlich in ihrem Wohnzimmer ab. Die rundliche 28-Jährige sitzt auf einem dunkelgrünen Kunstledersofa und schaut den Kindern zu. Der Siebenjährige jagt den Achtjährigen durchs Zimmer und schreit dazu: « Bumm, bumm, bumm. »

« Genau deswegen lasse ich sie nicht mehr vor die Tür », sagt Nabila, « man weiß nie, wann geschossen wird oder etwas explodiert. » Vor einem Monat hat sie ihre Kinder aus der Schule genommen. Zu groß ist ihre Angst, dass ihnen auf dem Weg dorthin etwas passieren könnte, seitim Mai eine Bombe explodierte. « Die Sommerferien haben für meine Kinder eben schon ein paar Wochen früher angefangen. »

 

Sie selbst geht nur noch vor die Haustür, um beim Krämer um die Ecke Brot und Gemüse zu kaufen – « das Nötigste, wir müssen sparen ». Nabila wohnt im Damaszener Stadtteil Midan, einem der ältesten Viertel der Stadt. Dort, wo Nabila wohnt, sind die Gassen zwischen den niedrigen braunen Häusern so eng, dass kaum ein Auto durchpasst. Die Gegend ist geprägt von der konservativ-sunnitischen Mittelschicht.

Bis vor Beginn der Aufstände gegen Machthaber Baschar al-Assad war Midan bekannt für seine Zuckerbäcker. Im ganzen Land waren das Baklava und andere Süßigkeiten aus Midan begehrt. Doch inzwischen bekommt man ein mitleidiges « Oh » als Antwort, wenn man erzählt, man sei von dort.

Denn seit dem vergangenen Jahr steht Midan im Visier des Regimes. Jeden Freitag nach dem Mittagsgebet demonstrieren hier ein paar Dutzend Menschen so lange, bis die Sicherheitskräfte kommen. Meist dauert dies nicht einmal eine Minute. Doch die Aktivisten machen trotzdem weiter. Fast jede Nacht finden kleine Proteste statt.

An den Rändern von Damaskus, in Teilen von Kafr Susa, Neues Mezze, Barsa oder Kabun, wo die Stadt in ihre Vororte übergeht, sieht es ähnlich aus. Doch Midan liegt mitten in Damaskus, dem Zentrum der Macht. Das Regime duldet hier keinen Kontrollverlust, auch keinen vorübergehenden – wie in einzelnen Vierteln von Homs im vergangenen Jahr. Wer Damaskus verliert, hat verloren. Um zu verhindern, dass Midan zur Hochburg bewaffneter Oppositionskämpfer wird, hat das Regime das Viertel unter strenge Beobachtung gestellt: Wer Midan betritt oder verlässt, muss damit rechnen, kontrolliert zu werden.

Die Sicherheitskräfte belagern das Viertel

Der Eingang zu dem aufmüpfigen Stadtviertel ist der Bab-Musalla-Platz. Von hier aus hat man die Hauptstraße Midans im Blick, an der sich triste Betonhochhäuser entlangziehen. An dem Platz steht auch das lokale Hauptquartier der Sicherheitskräfte. Sie haben vor dem mehrstöckigen Gebäude Mauern aus Sandsäcken aufgebaut mit Schießscharten. Aus einer lugt das Rohr eines großkalibrigen Maschinengewehrs.

Die meisten Läden und Restaurants entlang der Hauptstraße haben geschlossen. Ein paar Imbisse sind noch offen, doch auf den Plastikstühlen sitzt niemand. Die Straße ist ruhig wie in einer Geisterstadt. Ein weißer Transporter fährt langsam vorbei. Seine Plane ist hinten offen. Auf der Ladefläche lassen sich ein Dutzend zivil gekleidete Männer mit Sturmgewehren erkennen. Es ist eine Patrouille der Sicherheitskräfte.

« Assads Männer trauen sich nicht mehr zu Fuß durch Midan », erzählt ein Aktivist aus dem Viertel später, « sie haben Angst vor unseren Scharfschützen. » Sofort bestreitet er jedoch, dass sich bewaffnete Regimegegner in dem Viertel aufhalten.

Ob und wie viele Oppositionskämpfer es in Damaskus gibt, ist unklar. Aktivisten beharren darauf, dass die « Freie Syrische Armee », wie die Anti-Assad-Krieger sich nennen, bisher nur an den Rändern der Stadt Fuß gefasst hätten. Wenn es bewaffnete Assad-Gegner in Midan gibt, halten sie sich noch bedeckt. Die Bewohner des Viertels sind sich über die Scharfschützenfrage zumindest nicht einig.

Die Familie ist so gespalten wie das Land

Am Abend hat sich Nabilas Wohnzimmer gefüllt. Ihre Eltern sind da – sie wohnen nur wenige Meter entfernt – und ihr 21-jähriger Bruder, der noch bei ihnen lebt. Der Rest der Familie ist seit Beginn der Aufstände ins Ausland gezogen: die große Schwester zu den Schwiegereltern nach Jordanien, der älteste Bruder in den Libanon. Wer konnte, hat Syrieninzwischen verlassen.

Ein Streitgespräch entwickelt sich. « Es sind die Scharfschützen des Regimes, die auf die Leute auf der Straße schießen », sagt Nabilas Bruder. « Auch manche von den Aktivisten schießen », widerspricht Nabila. Sie war anfangs für die Aufständischen und will nun für keine Seite mehr Partei ergreifen, was der 21-Jährige ihr zum Vorwurf macht. Die Familie ist so gespalten wie das Land.

Im Fernsehen laufen die Nachrichten auf al-Dschasira. Der Sender wird wegen seiner Berichterstattung zugunsten der Aufständischen inzwischen auch der « Revolutionssender » genannt. Es werden die Bilder des Massakers von Hula gezeigt, ermordete Kinder in Blutlachen. Alle schnalzen mit der Zunge: « T, t, t, t, t », was bedeuten soll: unerhört, verboten.

Nabilas Bruder findet als Erster die Sprache wieder. « Die Alawiten kennen keinen Gott. Sie sind wie Tiere », sagt er über die herrschende konfessionelle Minderheit, der MachthaberBaschar al-Assad angehört. « Nicht alle Alawiten sind so », widerspricht ihm der Vater. Der Bruder zeigt anklagend zum Fernseher.

« Wir können nichts tun, nur abwarten und beten », sagt der Vater. Er hat Angst um seinen Jüngsten, der als einziges Familienmitglied an Demonstrationen teilnimmt. Auch wenn der Vater das Regime hasst, möchte er nicht, dass sein Sohn sein Leben riskiert, um Assad zu bekämpfen. Für einen Moment sind alle still.

Angst vor der Zukunft

« Uns geht es doch noch gut », sagt der Vater, « wir haben zu essen und fast immer Strom. » Die Schießereien und gelegentlichen Explosionen fallen da weniger ins Gewicht, die größte Angst herrscht vor dem Artilleriebeschuss durch die syrische Armee. Er weiß aus Erzählungen, wie es in manchen Vororten von Damaskus, nur eine Viertelstunde mit dem Auto entfernt, aussieht – in Duma oder Harasta, Hochburgen der Aufständischen, die von den Panzern des Regimes bereits im vergangenen Jahr beschossen wurden, nachdem es dort zu großen Demonstrationen gekommen war.

 

Gebiete des Regimes und der UnterstützerZur Großansicht

Gebiete des Regimes und der Unterstützer

Kollektiv wurden die Bewohner der Trabantenstädte dafür bestraft: Meist ist der Strom abgedreht und manchmal auch das Wasser. An Freitagen dürfen die Menschen diese Vororte überhaupt nicht mehr verlassen. Unter der Woche müssen sie geduldig Kontrollen über sich ergehen lassen, um nach Damaskus zu dürfen.

Vergleichsweise brutal ist das Regime bisher innerhalb von Damaskus nicht vorgegangen. « Noch nicht », befürchtet Nabilas Bruder, « sie haben auch Teile von Homs bombardiert – warum sollten sie es mit uns nicht irgendwann genauso machen? »

*Name von der Redaktion geändert 

Source : http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-aufstand-im-stadtteil-midan-in-damaskus-a-837286.html



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