Mahmoud Hassion : « Es gab keine Freiheiten, für niemanden » – Interview: Andrea Backhaus

Article  •  Publié sur Souria Houria le 29 juin 2016

Vom Regime verfolgt, von Islamisten massakriert: Mahmoud Hassino floh als Homosexueller deshalb aus Syrien. Er sagt: Mit Religion hatte die Verfolgung wenig zu tun.

ZEIT ONLINE: Herr Hassino, nach dem Massaker in Orlando wird darüber diskutiert, wie und warum Homophobie in muslimischen Ländern verbreitet ist. Was halten Sie von der Debatte?

Mahmoud Hassino: Für mich ist das ein klarer Fall: Der Schütze ist in den USA aufgewachsen, hat legal Waffen besessen und damit ein Massaker angerichtet. Das passiert in den USA immer wieder, und oft sind es auch weiße Schützen, die Blutbäder anrichten. Aber in dem Fall geht es um einen Muslim, der Schwule erschießt – und plötzlich wird die Diskussion ganz anders geführt. Dadurch werden Islamophobie und Ablehnung gegenüber Einwanderern geschürt, und das ist hochproblematisch. Natürlich gibt es Homophobie in arabischen Ländern – genauso, wie es sie in anderen, auch überwiegend christlichen Ländern gibt, in Uganda zum Beispiel. In Ländern wie Syrien hat das mit der Religion aber wenig zu tun.

ZEIT ONLINE: Womit dann?

Hassino: Vor allem mit staatlicher Repression und damit, dass die Religion für Ressentiments benutzt wird. Ich kenne diese beiden Seiten: Ich wurde in Syrien geboren und bin als Kind mit meiner Familie nach Saudi-Arabien gezogen, also dort aufgewachsen.

ZEIT ONLINE: Wie war es in Saudi-Arabien als Junge, der merkt, dass er homosexuell ist?

Hassino: Wir lebten in Medina, der heiligen Stadt, die sehr konservativ ist. Ich habe früh gemerkt, dass ich nicht an Gott glaube. Weil ich nicht religiös bin, habe ich nie unter einem Schuldkomplex gelitten oder mich als « falsch » wahrgenommen. Meine Familienangehörigen sind gläubige Muslime. Sie wissen, dass ich schwul bin und akzeptieren das. Ich habe versucht, es innerlich von mir wegzuhalten, wenn in einigen Moscheen gegen Homosexuelle gehetzt wurde.

ZEIT ONLINE: Wie begründen diese Prediger ihre Ressentiments?

Hassino: Ultrakonservative Gruppen haben die seltsamsten Vorstellungen vom Islam. Die saudische Variante, der Wahhabismus zum Beispiel, der in viele arabische Länder exportiert wurde. Der Koran selbst sagt nichts direkt über Homosexualität oder homosexuelle Handlungen. Die Bibel ist da viel deutlicher. Aber wie überzeugt man die Massen? Man sucht sich ein paar Stellen heraus und interpretiert sie so, dass jede Diskriminierung möglich wird. Einige Gruppen behaupten einfach: Der Religion zufolge ist nur Heterosexualität normal. Homosexualität entspricht nicht ihren Rollenbildern, die auch an Macht gebunden sind, an eine Ordnung, die von Männern vorgegeben ist. Es ist eine Frage von Geschlechtergerechtigkeit im Allgemeinen. Patriarchalische Vorstellungen gibt es auch bei konservativen Christen oder Juden. Für schwule Christen in Syrien war es etwa noch viel schwieriger als für muslimische, ihre Homosexualität auszuleben.

ZEIT ONLINE: Als Sie älter wurden, wollten Sie weg aus Saudi-Arabien.

Hassino: Mir war klar, dass ich im ultra-konservativen Saudi-Arabien als bekennender Schwuler nie frei leben könnte. Deswegen bin ich mit 18 Jahren zurück nach Aleppo in Syrien gegangen, um dort zu studieren.

ZEIT ONLINE: Und dort konnten Sie freier leben?

Hassino: Nein, gar nicht. Im Syrien der neunziger Jahre gab es eine ganz andere Realität: Es gab keine Freiheiten, für niemanden. Assad kämpfte, um an der Macht zu bleiben. Und schränkte dafür die Zivilgesellschaft massiv ein.

ZEIT ONLINE: Wie war die Lage für Homosexuelle?

Hassino: Im eher konservativen Aleppo war es traditionell schwierig für die Schwulenszene. In Damaskus war es viel besser. Es gab dort einige Cafés und Bars, wo Schwule ihre Homosexualität ausleben konnten. In Damaskus habe ich mich auch von Heterosexuellen nie ausgegrenzt oder diskriminiert gefühlt. Der Staat war schon damals das größte Problem.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Hassino: Das Regime versuchte, die Verbreitung des Internets in Syrien so weit es ging zu verzögern. Damit hoffte es, dass sich Gruppen wie unsere nicht vernetzen konnten. Aber natürlich hat sich das Internet durchgesetzt, und damit ist vieles für uns leichter geworden. Das Regime musste neue Wege finden, um uns einzuschüchtern. Homosexuelle wurden verfolgt und erpresst. Die Geheimpolizei war überall. Sie kannten die einschlägigen Schwulentreffs, es gab dort immer wieder Razzien und Verhaftungen. Sie verlangten von den Schwulen Geld, um sie nicht zu verhaften.

ZEIT ONLINE: Warum sehen die Machthaber Homosexualität als Gefahr?

Hassino: Sie sehen es als Bedrohung der etablierten Ordnung, der Machtverhältnisse. Sie hatten schon immer Angst, dass sich so eine Gruppe organisieren und irgendwann ihre Rechte einfordern könnte. Dass sie stärker werden und die staatlichen Autoritäten herausfordern könnte. Deshalb versuchen sie, diese Gruppen kleinzuhalten, sodass sie erst gar nicht stark werden können. Das war schon immer Assads Methode, um den Einfluss von Menschenrechtsgruppen einzuschränken.

ZEIT ONLINE: Die Religion spielte in Syrien als Legitimation für die Unterdrückung also kaum eine Rolle?

Hassino: Nein. Die Assads, also Baschar und sein Vater Hafiz, haben immer nach außen hin proklamiert, dass Syrien kein religiöser, sondern ein säkularer Staat sei. Unter diesem Deckmantel des Modernismus haben sie dennoch mit den Islamisten kooperiert, haben auch etwa den lokalen Scheichs vermitteln können, warum es aus religiöser Überzeugung heraus richtig sei, die Assads an der Macht zu haben. Sie haben das Spiel immer perfekt gespielt. Und hintenherum die Rechte der Zivilgesellschaft beschnitten.

ZEIT ONLINE: Sie haben als einer der sehr wenigen im Land über Homosexualität gebloggt. War das nicht gefährlich?

Hassino: Natürlich. Aber ich habe nach einem Weg gesucht, um mich auszudrücken. Ich habe nicht meinen richtigen Namen benutzt. Mein Blog war eine Art Touristenführer für Homosexuelle, die nach Syrien reisen wollten.

ZEIT ONLINE: Warum das?

Hassino: Ich war einmal auf Dienstreise in einem kleinen Ort in der Türkei. Als ich am Abend ausgehen wollte, konnte mir niemand sagen, wo es einen Schwulen-Club gibt. Das wollte ich den Männern, die aus dem Ausland nach Damaskus kamen, ersparen. Also habe ich Informationen darüber Online gestellt, wo man andere Schwule treffen kann, wo es gute Bars gibt.

ZEIT ONLINE: Haben sich die Leute in der Szene vertraut?

Hassino: Ja, durchaus. Es gab einen großen Zusammenhalt. Aber trotzdem lebten schon immer alle in Angst. Vor der Verfolgung, davor, dass jemand Gerüchte streut oder der Arbeitgeber einen feuert, weil er Angst hat, dass er mit einem schwulen Angestellten selbst ins Visier der Staatsgewalt rücken könnte.

ZEIT ONLINE: Der Druck auf die Aktivisten-Szene wurde nach der Revolution 2011 noch stärker.

Hassino: Das stimmt. Auch auf uns. Als das Regime begann, auf die Demonstranten zu schießen, und Aktivisten systematisch zu verhaften, begann auch die offene Jagd auf Homosexuelle. Schwule Männer wurden an den Checkpoints der Armee rausgezogen, oft auch vergewaltigt. Schon 2010 wurden auf einer privaten Schwulenparty mehr als 30 Männer festgenommen. Sie wurden einige Monate festgehalten, ohne jede Anklage. Bis jeder in ihrem Umfeld wusste, dass sie schwul waren: ihre Familien, ihre Freunde, ihre Kollegen. Ein Bekannter von mir war darunter. Als er freigelassen wurde, wusste sein ganzes Dorf, dass er schwul war. Er wurde gemobbt, hat seine Arbeitsstelle verloren, konnte nichts mehr machen. Deshalb hat er sich umgebracht. Das ist die Strategie des Regimes: Sie halten einen so lange fest, bis alle wissen, dass man schwul ist. Und dann muss man zusehen, wie man mit den Reaktionen klarkommt.

ZEIT ONLINE: Mit dem Krieg hat sich die Lage für Homosexuelle noch mal verschärft.

Hassino: Ja. Jetzt herrscht in Syrien überall Homophobie. Egal wie offen die Menschen vorher waren: Jetzt sind alle im Überlebensmodus. Wenn man überleben will, muss man sich eine Seite suchen, die man unterstützt. Und die Gruppen, die jetzt an der Macht sind, unterdrücken die Minderheiten; Frauen, Kinder, Atheisten und Homosexuelle. Das machen die Islamisten ebenso wie das Regime oder die Freie Syrische Armee.

ZEIT ONLINE: Seit die radikalen Islamisten in Nordsyrien die Kontrolle haben, ist es für Homosexuelle lebensgefährlich.

Hassino: Erst sind viele Schwule aus dem Irak nach Syrien geflohen, um den Übergriffen durch den IS zu entkommen. Der hat an den Schwulen gern mal seine Foltermethoden ausprobiert. Dann wurde der IS auch in Syrien stärker und begann dort, Homosexuelle zu verfolgen. Deswegen hatte ich schon 2012 mawaleh.net gegründet. Ich wusste, dass uns in Syrien Ähnliches wie im Irak bevorsteht.

ZEIT ONLINE: Worum geht es Ihnen mit dem Magazin?

Hassino: Ich möchte damit zeigen, dass die Homosexuellen in Syrien nicht still sind. Wir haben eine Stimme, wir wollen uns gegen die Unterdrückung wehren. Am Anfang waren noch alle unsere Autoren in Syrien. Mittlerweile sind auch viele ins Ausland geflohen. Für die, die noch dort sind, wird es immer schwieriger. Jeder erlebt dort seine eigene Bedrohungslage. Trotzdem veröffentlichen wir Beiträge von Betroffenen, die ihre Erfahrungen teilen wollen. Wir tun, was wir können, aber der Spielraum ist gering. Man kann die soziale Regression nicht in einer Diktatur bekämpfen.

Junge Männer in einem Vorort von Damaskus

Junge Männer in einem Vorort von Damaskus © AMER ALMOHIBANY/AFP/Getty Images

Mahmoud Hassino auf dem diesjährigen Global Media Forum der Deutschen Welle in Bonn

Mahmoud Hassino auf dem diesjährigen Global Media Forum der Deutschen Welle in Bonn © Andrea Backhaus



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