MEIN NAME IST AHMED. ICH KOMME AUS SYRIEN UND LEBE SEIT BALD FÜNF JAHREN IN DER SCHWEIZ

Article  •  Publié sur Souria Houria le 1 novembre 2016

Es ist reiner Zufall, dass ich hier gelandet bin. Ich bin Mediziningenieur und habe in Syrien bei einer internationalen Firma gearbeitet. Ich habe für meine Firma eine Weiterbildung in der Schweiz besucht. Während ich in der Schweiz war, hat die Polizei in Syrien nach mir gesucht, um mich festzunehmen. Meine Familie rief mich an und sagte, ich solle besser nicht mehr zurückkommen. Ich stamme aus Homs, das war damals das Zentrum der Revolution in Syrien. Familienangehörige von mir waren bereits willkürlich verhaftet worden. Deshalb habe ich in der Schweiz einen Asylantrag gestellt.

«ICH BIN JUNG UND HABE ZEIT. WAS KANN ICH SINNVOLLES TUN?»

Die ersten sechs Monate waren hart. Ich kannte niemanden, verstand kein Deutsch und konnte mich schlecht verständigen. Bis dein Asylgesuch entschieden wird, hast du eine N-Bewilligung. Damit kannst du nichts tun. Du darfst nicht entscheiden wo du wohnst, du darfst nicht reisen, in vielen Kantonen darfst du auch nicht arbeiten oder studieren. Du bekommst jede Woche einen kleinen Geldbetrag. Dann gehst du raus und siehst, wie alle anderen leben und sich vorwärts bewegen, aber du steckst fest. Du musst warten.

 

Arabische Textzeile auf Wandtafel: «Ich brauche kein Mitleid. Ich will eine Chance.»

 

Ich lebte in einer Asylunterkunft in einem abgelegenen Dorf in Baselland. Ich war niedergeschlagen und dachte oft daran, nach Syrien zurückzukehren. Mein Gedanke war: Wenn ich ohnehin so viele Probleme habe, wäre es dann nicht besser, sie dort zu haben, wo ich mich wenigstens zuhause fühle?

Dann habe ich über ein Sprach-Tandem einen Freund kennen gelernt, und er hat mein Denken verändert. Genau genommen war es das Stück „Warten auf Godot“ von Samuel Becket, auf das er mich aufmerksam gemacht hatte. Ich habe es mir dreimal hintereinander auf Youtube angeschaut. Dann beschloss ich, mit dem Warten aufzuhören. Ich bin jung und habe Zeit, habe ich mir gesagt. Was kann ich Sinnvolles tun?Durch meinen Freund lernte ich neue Leute kennen, die politisch und sozial aktiv waren und begann mich als Freiwilliger zu engagieren. Ich habe zum Beispiel in interkulturellen Ferienlagern mit Flüchtlingskindern Theater gespielt. Themen wie Menschenrechte, soziale Ungleichheit und Migration begannen mich zu interessieren. Ich arbeitete ehrenamtlich für verschiedene Friedensorganisationen (Amnesty International, Women for Democracy, Swiss Peace Academy, Service Civil International). Im Winter 2014 war ich anlässlich der UNO-Syrien-Konferenz in Genf, um zusammen mit einer syrischen Friedensorganisation die internationale Gemeinschaft zu humanitären Lösungen aufzurufen.

«DIE BEGEGNUNG MIT ENGAGIERTEN MENSCHEN HABEN MIR DIE AUGEN GEÖFFNET.»

Die Begegnungen mit engagierten Menschen haben mir die Augen geöffnet. Heute bin ich sehr froh darüber. In Syrien hatte ich mich nicht so intensiv mit Menschenrechtsfragen beschäftigt.Nach zwei Jahren wurde meinem Asylgesuch stattgegeben und ich bekam die B-Bewilligung. Ich dachte, von da an würde alles viel leichter gehen. Aber da hatte ich mich getäuscht. Ich versuchte, Arbeit zu finden, aber ohne Erfolg. Auch eine Wohnung zu finden erwies sich als schwierig. Nur mit Hilfe eines Schweizer Freundes, der sich aktiv für mich einsetzte, kam ich schliesslich zu einer Wohnung. Ich war acht Monate bei der Sozialhilfe. Doch ich wollte möglichst rasch ohne staatliche Unterstützung und selbstbestimmt leben.Ich bin dann nach Basel gezogen, in der Hoffnung, dort mehr Möglichkeiten zu haben. Zum Glück konnte ich durch eine Freundin eine Wohnung finden. Dank persönlichen Kontakten und Empfehlungen fand ich Arbeit bei einem Kurierdienst und als Zeitungsverteiler. Ich bin bis heute sehr froh um die Unterstützung meiner Freunde. Nur dank ihnen haben sich mir nach und nach Türen geöffnet. Eines ergab das andere. Das war ein Gefühl, als ob sich der Himmel über mir auftun würde!Seither habe ich viele verschiedene  Jobs gemacht. Ich habe als Barmann, Arabischlehrer, Kurier, Küchenhilfe, Logistiker, Verkäufer und sogar als Hufschmied gearbeitet.

«ICH BIN SEHR FROH UM DIE UNTERSTÜTZUNG MEINER FREUNDE»

Heute studiere ich Kunst und Design am Hyperwerk der Fachhochschule Nordwestschweiz und habe daneben immer noch verschiedene Jobs. Zurzeit arbeite ich bei der Basler Personenschifffahrt, in einer Sommerbar am Hafen und bei der Bäckerei Kult. Daneben bin ich ehrenamtlich als Koordinator für die Arabische Show ArabX von Radio X verantwortlich. Und ich habe zusammen mit Freunden einen Verein zur kulturellen Verständigung zwischen Menschen aus der Schweiz und aus dem arabischen Raum gegründet, das ArabSwissHouse. Wir unterrichten dort jeden Samstag Arabisch für Kinder. Oder wir organisieren kulturelle Veranstaltungen.

Es tut gut, unabhängig zu sein und mein eigenes Geld zu verdienen. Auch wenn das nicht einfach ist. Die meisten Jobs sind im Stundenlohn und auf Abruf. Manchmal, wenn es gut läuft, verdiene ich genug. In anderen Monaten, besonders im Winter, wird es eng. Es bleibt daher eine grosse Unsicherheit. Ich frage mich ständig, wie es mit mir weiter geht. Aber noch bin ich zuversichtlich.

Bisher ist es mir nicht gelungen, eine Festanstellung zu finden. Wenn ich mich für einfache Arbeiten bewerbe, heisst es, ich sei überqualifiziert. Wenn ich mich auf Stellen in meinem angestammten Beruf als Mediziningenieur bewerbe, heisst es, ich hätte im Lebenslauf eine Lücke von mehreren Jahren.

Ich habe den Eindruck, dass man in der Schweiz als Flüchtling zwar unterstützt wird, sich seine Chancen und Möglichkeiten aber selber erschaffen muss. Man muss sich als Flüchtling oft beweisen. Zeigen, dass man nicht „der Feind“ ist. Und dass man auch etwas kann.

«ICH HABE ETWAS ERREICHT, HABE MIR HIER ETWAS AUFGEBAUT.»

Wenn es die Situation in Syrien irgendwann zulässt, möchte ich nach Homs zurückkehren. Sobald es dort wieder sicher ist. Bis jetzt sieht es nicht nach Frieden aus. In der Schweiz geht es mir gut, aber es bleibt eine Distanz – es ist schwer zu beschreiben. Ich glaube, mir fehlt das Gefühl von Heimat.Dennoch: Basel ist toll, ich liebe diese Stadt. Ich habe hier schon so viel erlebt, so viele Höhen und Tiefen. Wenn ich in der Stadt unterwegs bin und Freunde oder Bekannte treffe, freue ich mich. Diese zufälligen Begegnungen geben mir das Gefühl, ein normaler Bürger dieser Stadt zu sein. Kein Aussenseiter, sondern verbunden. In diesen Momenten denke ich, dass sich meine Bemühungen gelohnt haben. Ich habe etwas erreicht, habe mir hier etwas aufgebaut.

«BASEL IST TOLL, ICH LIEBE DIESE STADT.»

Mein Traumjob? Um ehrlich zu sein, auch wenn ich immer dafür ausgelacht werde: Ich träume von einem ganz normalen Alltag. Am Morgen aufstehen, ins Tram steigen, zur Arbeit fahren. Angestellt sein, meinen Job machen. Nach getaner Arbeit nach Hause gehen, ein Buch lesen, einen Film schauen und dann ins Bett gehen. Das würde mir gefallen.Ich möchte behandelt werden wie alle anderen. Ich möchte keine Sonderbehandlung, nur weil ich Asyl bekommen habe. Ich brauche auch kein Mitleid. Und wenn ich neue Menschen kennen lerne, möchte ich nicht sofort über die Probleme in Syrien oder die Flüchtlingskrise in Europa reden. Lieber würde ich mich über die Liebe, über Filme, über aktuelle Veranstaltungen unterhalten. Ganz gewöhnliche Gespräche, wie ich sie früher mit meinen Freunden in Syrien hatte. Wir sind ausgegangen, haben geraucht, über neue Filme diskutiert, Sprüche gemacht.Ich frage mich jeden Tag: Wann höre ich auf, ein Flüchtling zu sein? Wann bin ich endlich angekommen? Ich möchte nicht ein Flüchtling, sondern Ahmed sein.



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