Orte schaffen, an denen sich etwas bewegt

Article  •  Publié sur Souria Houria le 26 décembre 2014

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Zentren für Zivilgesellschaft bieten Raum für Gestaltung und Teilhabe

Von Julia Nicksch – 22/12/2014

Erst seit Beginn der Revolution Anfang 2011 entsteht in Syrien das, was wir hierzulande unter einer aktiven Zivilgesellschaft verstehen. Bevor die Menschen für Würde, Freiheit und Mitbestimmung auf die Straße gingen, war jede gesellschaftliche Betätigung entweder von Partei oder Staat gelenkt – oder wurde von den Sicherheitskräften des Regimes verfolgt und zerschlagen. Auch weiterhin haben es zivilgesellschaftliche Strukturen schwer, sich in Anbetracht der eskalierenden Gewalt, der anhaltenden Verfolgung durch die Assad-Diktatur und die zweite Bedrohung, den radikalreligiösen Terrorismus, zu entfalten.

Dort, wo sich Räume für eine aktive Zivilgesellschaft bieten, versuchen AktivistInnen mittlerweile konsequent, ihre Projekte längerfristig anzulegen. „Als wir uns früher heimlich trafen, um Protestaktionen und Aktivitäten zu planen, hätten wir nie gedacht, dass wir jemals über einen eigenen Ort verfügen könnten, solange die Diktatur nicht vollständig gestürzt ist. Doch jetzt organisieren wir selbständig ein Haus, das die Bevölkerung der ganzen Stadt einlädt, offen zu diskutieren.“

Was ein Aktivist aus Qamishli hier beschreibt, ist mittlerweile Teil eines größeren Projekts, das AktivistInnen in fünf syrischen Städten gemeinsam mit Adopt a Revolution umsetzen. Ziel ist es, dauerhafte, feste Strukturen aufzubauen und in kooperativer Praxis einen Ort für Diskurs, Austausch, Vernetzung und Unterstützung zu schaffen.

„Als sich das Regime aus unserer Stadt zurückgezogen hatte, fanden die Treffen unseres Basiskomitees immer regelmäßiger statt. Wir wollten weitermachen, um die Dinge, die uns alle angehen, selbst in der Hand zu behalten. Deshalb luden wir andere Initiativen zu den Treffen ein und diskutierten offen. Zudem stellten wir einen großen Bedarf in der Bevölkerung fest, Aspekte der zivilgesellschaftlichen Organisation zu lernen. Beides zusammen führte zu der Idee, einen Raum anzumieten und eine Art soziokulturelles Zentrum zu eröffnen.“

Wie in Qamishli hatten sich auch AktivistInnen in Daraa, Yarmouk, Erbin und Afrin zu lokalen BürgerInnen-Komitees zusammengeschlossen, um Proteste zu organisieren, Informationen an der Zensur vorbei zu verbreiten und Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren. Auch in diesen Städten haben lokale AktivistInnen die Verantwortung für einen offenen Raum übernommen, an dem die junge, aktive Zivilgesellschaft zusammenkommt und sich aktiv weiterbildet.

Das Programm der Zentren reicht von Bildungsangeboten über kulturelle Veranstaltungen und Kinderprogramme bis zu Workshops für AktivistInnen und Diskussionsrunden. Dahinter steht die Idee, vor Ort zivilgesellschaftliches Engagement zu fördern und derart das Denken der Diktatur zu überwinden. Gleichzeitig soll eine neue Radikalisierung der Bevölkerung verhindert werden. 

Auch zwischen den fünf Zentren in Syrien besteht ein aktiver Austausch über aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen, was der gegenseitigen Weiterbildung dient, aber auch Verständnis schafft für die Herausforderungen in anderen Regionen des Landes mit einer unterschiedlichen Konfliktsituation.

Ihre emanzipatorischen Ansätze tragen die Zentren auch dort nach außen, wo es sie in Konflikt mit den lokalen Machtverhältnissen bringen kann. So wurde etwa das Zentrum für Zivilgesellschaft in Menbej geschlossen, als IS-Dschihadisten endgültig die Stadt übernahmen. In Daraa reichte es aus, nach Drohungen Al-Qaida-naher Kämpfer den festen Ort aufzugeben und stattdessen ein „mobiles Zentrum“ zu etablieren, das Räume je nach Veranstaltung anmietet, dafür aber seinen Aktionsradius in die umliegende Provinz ausweitet.

Die meisten der Zentren für Zivilgesellschaft bieten ein tägliches Programm. So entwickeln sie sich zur sozialen Anlaufstelle, die Angebote wie Internetzugang und Räume frei zur Verfügung stellt. Auf diese Weise schaffen sich die AktivistInnen einen Ort, an dem sie weiter an einer toleranten und demokratischen Zukunft ihrer Gesellschaft arbeiten können, anstatt verzweifelt das Land zu verlassen. 2015 sollen drei weitere Zentren entstehen.

Das Projekt der Zentren für Zivilgesellschaft erfolgt mit finanzieller Förderung des Instituts für Auslandsbeziehungen.

Dieser Beitrag erschien auch in der Adopt a Revolution-Zeitung vom Dezember 2014, die Sie hier als PDF abrufen können. Bestellen Sie einige Exemplare der Zeitung, um Sie an FreundInnen und Bekannte weiterzugeben, in Geschäften auszulegen oder bei Veranstaltungen zu verteilen. Gerne senden wir Ihnen kostenfrei Exemplare zu. Senden Sie uns dazu einfach eine Email an: info@adoptrevolution.org

Seit Ende 2011 unterstützt Adopt a Revolution die Projekte der jungen syrischen Zivilgesellschaft für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte. Zivile AktivistInnen streiten weiterhin für ihre Freiräume und sind die letzten, die in Syrien noch humanitäre Hilfe für die Opfer von Verfolgung durch Diktatur und IS-Terror leisten können. Helfen Sie mit, diese Projekte der Selbsthilfe zu ermöglichen!

Source : https://www.adoptrevolution.org/orte-schaffen-an-denen-sich-etwas-bewegt/



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