Syriens revolutionäre Presse – von Sophie

Article  •  Publié sur Souria Houria le 10 janvier 2014

Das Logo des syrischen Magazins “Sendian”. Unter der Eiche heißt es: “Für die EinwohnerInnen der Küste sowie alle SyrerInnen”.

Nach ihrer Machtübernahme durch einen Staatsstreich im Jahr 1963 ließ die Baath-Partei mehr als zehn zuvor erschienene Zeitungen und Magazine per Gesetz verbieten und unterdrückte jahrelang sämtliche Versuche, parteiunabhängige, echte syrische Medien zu etablieren. Die Presse hatte lediglich die Rolle inne, von Präsidentenempfängen und anderen Anlässen zu berichten sowie die Regierung für ihren Umgang mit den „aktuellen Herausforderungen“ zu loben.

Die Zeitungen in Syrien verloren offiziell ihren Status als Medien. Sie wurden nicht mehr als Informationsquelle genutzt, sondern man polierte mit ihnen das Kristall, wickelte Sandwiches oder Maiskolben darin ein oder benutzte sie als Tischunterlage. Die Menschen wurden in eine Art Koma versetzt, waren sie doch ein Spiegelbild der gelähmten, lokalen Medien. Dadurch konnte der Tyrann seine diktatorische Herrschaft mit allen Mitteln festigen.

Medienaktivitäten seit der Revolution

Mit Beginn der Revolution zeigt sich nun auf unterschiedlichste Weise die seit Langem verdrängte Fähigkeit des Volkes zu freien, zivilen Aktivitäten, die ihm so lange verweigert worden waren. Revolutionäre Jugendliche nutzen die Medien, genauer gesagt soziale Netzwerke, um Demonstrationen, Verhaftungen und revolutionäre Aktivitäten zu dokumentieren. Eine Gruppe von lokalen Zeitungen und Magazinen ist danach mit Medienkampagnen an die Öffentlichkeit gegangen. Sie arbeiten hart, um mit den Geschehnissen Schritt zu halten und die Revolution zu unterstützen. Die journalistische Revolution steckt noch in den Kinderschuhen und zeichnet sich eher durch digitale Medien als durch Printmedien aus. Dies ist eine komplette Umwälzung dessen, was die Medien der Baath-Partei darstellen. Es ist ein Schritt, um neue, authentische Medien zu schaffen, die sich von den Baath-Medien unterscheiden. Sie sollen die Ereignisse in Syrien ehrlich und transparent widerspiegeln und eine Rolle im alltäglichen Leben spielen.

Über die Vielfalt der revolutionären Zeitungen, ihre Vitalität, Ausdrucksformen und Kreativität lässt sich viel sagen. Sie setzen ihre Arbeit trotz aller Belastungen, Schwierigkeiten und Bedrohungen hartnäckig fort. Im Folgenden sollen die wichtigsten Probleme erörtert werden, die dieses mediale Experiment im Anfangsstadium erschweren.

Die revolutionäre Presse und ihre lokale Gemeinschaft

Es muss zwischen zwei Arten von Zeitungen unterschieden werden. Zwischen jenen, die in den befreiten Gebieten erscheinen, und denen, die in den vom Regime kontrollierten Gebieten herausgegeben werden, wo sich sowohl Befürworter als auch Gegner des Regimes finden. Die Zeitungen in den befreiten Gebieten können allgemein als Beweis für die Lebenskraft der Gemeinschaft und der aktiven Meinungsäußerung gesehen werden. In den Gebieten, die weiterhin vom Regime kontrolliert werden, können die Zeitungen die dortige Realität noch nicht transparent und klar darstellen. So wird hin und wieder zugunsten der allgemeinen revolutionären Bewegung bewusst etwas verschwiegen oder über Geschehnisse, Einzelheiten oder populäre Ideen in den örtlichen Gemeinschaften hinweggesehen. Die Zeitungen beweisen zwar nicht unbedingt eine revolutionäre Gemeinschaft in diesen Gebieten, doch zeigen sie, dass Gruppen von JugendaktivistInnen daran arbeiten, ihr Umfeld in die Revolution einzubinden.

Die Pressearbeit vor Ort

Die meisten der JournalistInnen in den befreiten Gebieten können – soweit die Sicherheitslage es zulässt – frei arbeiten, berichten, fotografieren sowie Dokumentationen drehen und Interviews durchführen. Aber durch die andauernden Militärschläge in diesen Gebieten, den ständigen Beschuss am Boden und die Bombardierung aus der Luft sind sie bei ihrer Arbeit ernsthaften Risiken ausgesetzt. Vor kurzem übernahmen militante islamische Gruppierungen in einigen befreiten Gebieten die Rolle des Regimes. Sie verfolgen JournalistInnen, nehmen sie fest und töten sie sogar, was dazu führte, dass viele JournalistInnen wieder versteckt arbeiten mussten, wie auch jene in den vom Regime kontrollierten Gebieten. Vorsichtsmaßnahmen müssen getroffen werden, um nicht vom Geheimdienstapparat entdeckt zu werden, der große Anstrengungen unternimmt, revolutionäre JournalistInnen in die Hände zu bekommen. Diese Vorsichtsmaßnahmen gestalten die Arbeit vor Ort, wie das Fotografieren, sehr schwierig. Hinzu kommt noch die Gefahr, dass die wahre Identität der JournalistInnen sowie die ihrer Quellen aufgedeckt werden. JournalistInnen dürfen daher nicht zu viele Details preisgeben, die ihre eigene Sicherheit und die ihrer Quellen gefährden könnten. Auch bei Sendian haben wir dies erlebt; z. B. als wir im Dorf Al-Bayda mit Soldaten der Regierungstruppen in Dialog traten, und vor kurzem, als wir über die Massaker im Umland von Latakia berichteten und Interviews mit den Überlebenden führten.

Presse: Online oder gedruckt

Zwar gibt es einige gedruckte Zeitungen, die verteilt werden, aber es hat sich gezeigt, dass die revolutionären Zeitungen und Magazine hauptsächlich online verbreitet und gelesen werden. Die Gründe hierfür unterscheiden sich je nach der Gegend, in der die Zeitung herausgegeben  und von wem das Gebiet kontrolliert wird. Eine Zeitlang herrschte ein freies Klima, so dass in vielen der befreiten Gebiete Zeitungen gedruckt und verteilt werden konnten. Doch durch die wirtschaftlichen Sanktionen gegen das Regime wurden die Geldmittel knapp und das Drucken von Zeitungen war nicht mehr rentabel. Die Menschen in diesen Gebieten brauchen Wasser, Lebensmittel und andere grundlegende Dinge, aber keine Zeitungen. In den vom Regime kontrollierten Gebieten können Zeitungen zwar gedruckt werden, doch die Verteilung gleicht einem Selbstmordunterfangen, da das Regime an jeder Ecke und in jeder Straße Barrieren, Patrouillen und Informanten positioniert hat.

Aus diesen Gründen sind die Verantwortlichen der Zeitungen dazu übergegangen, die Vorteile der Onlinemedien zu nutzen. Die Kosten hierfür sind geringer und Sicherheitskontrollen können umgangen werden, um die JournalistInnen zu schützen. Dies hatte jedoch zur Folge, dass die Zahl der Leser abnahm, da viele Menschen keinen Zugang zum Internet haben.

Finanzielle Unterstützung der Zeitungen

Die gegenwärtigen Bedingungen erlauben es den revolutionären Zeitungen in den meisten Fällen nicht, klare Organisationsstrukturen für Werbung und Verkauf aufzubauen, um die für ihren Fortbestand notwendigen finanziellen Mittel zu sichern. Die fehlende Finanzierung bremst die Fortsetzung und Entwicklung der Zeitungen, besonders da jegliche Finanzierung für journalistische Aktivitäten der Revolution keine wirtschaftliche, sondern eine politische Investition darstellt. Die Geldgeber können somit zu einer Gefahr für die Unabhängigkeit des Magazins werden.

Zurzeit arbeiten viele AktivistInnen ehrenamtlich im journalistischen Bereich und erhalten nur sehr wenig oder gar kein Geld, besonders in den Onlinemedien. Zwar werden einige Publikationen im geringen Umfang durch lokales Kapital aus der Diaspora finanziert, aber nur wenige revolutionäre Zeitungen erhalten genügend finanzielle Unterstützung aus Syrien oder dem Ausland, um Angestellte, den Druck und die Entwicklung bezahlen zu können.

Die revolutionäre Presse vermisst ihre AutorInnen

Die meisten JournalistInnen und AutorInnen der regionalen syrischen Zeitungen schreiben unter einem Pseudonym, um sich vor Verfolgung zu schützen, besonders in den Gebieten unter der Kontrolle des Regimes. Wichtig ist nun, dass die revolutionären Zeitungen bekannte syrische JournalistInnen, AutorInnen und Persönlichkeiten für sich gewinnen können, da ihre Artikel das wirkliche Leiden des Volkes und die Revolution widerspiegeln. Sie brauchen bekannte Persönlichkeiten und Schreiber, die in den lokalen Revolutionszeitungen die syrischen und nicht-syrischen Blickwinkel beleuchten, so dass die Syrer nicht mehr in ausländischen Zeitungen über ihre eigene Revolution lesen müssen. Aus unserer Sicht ist dabei das größte Hindernis der Mangel an Geldern, da die syrischen Intellektuellen und AutorInnen ausschließlich mit dem Schreiben ihren Lebensunterhalt verdienen. Doch wir sind immer noch überzeugt, dass JournalistInnen neben ihrer Tätigkeit für die ausländische Presse auch für die entstehende lokale Presse schreiben werden.

Wir werden unsere eigene Presse haben und uns wird es täglich geben. Statt Zeitungen wie „An-Nahar“, „Al-Hayat“, „Almustaqbal“ und „Al-Quds Al-Arabi“ werden wir „Enab Baladi“, „Souriatna“, „Tala’ana a’al Hurriya“, „3ayn Almadina“, „Hurriyat“, „Ahed Alsham“ „Jesr“ und „Oxygen“ lesen.

Dieser Artikel erschien auf Arabisch in der Dezember-Ausgabe (S. 9/10) des Magazins “Sendian” (“Eiche”)hier die arabische Facebook-SeiteDie “Sendian” erscheint monatlich im Umfang von ca. 30 Seiten und deckt ein breites Themenspektrum ab. Die erste Ausgabe der “Sendian” erschien bereits im Sommer 2012. Das Magazin wird in der Region um Lattakia herausgegeben. Die Herausgeber der “Sendian” stammen aus verschiedenen konfessionellen Hintergründen und wollen eine Zeitschrift für alle SyrerInnen verfassen. Das Magazin enthält stets eine Seite zu syrisch-kurdischen Inhalten, Einblicke in die “andere Welt” der regimetreuen Gebiete der Küste sowie Proteste & Plakate aus allen Landesteilen Syriens.

Die Übersetzung des obigen Artikels wurde durch eine Aktivistin von Adopt a Revolution zur Verfügung gestellt.

source : https://www.adoptrevolution.org/syriens-revolutionaere-presse/

date : 02/01/2014



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