Warum die Syrer flüchten – Von Ferdinand Dürr

Article  •  Publié sur Souria Houria le 26 octobre 2015

Um Gründe für Flucht zu erfahren, lohnt es sich, mit Betroffenen zu sprechen. Der IS-Terror ist nicht der wichtigste Faktor.

Hunderttausende syrische Vertriebene sind in diesem Jahr bereits in Europa angekommen. Damit verändert sich die politische Debatte um Syrien und die Fluchtbewegung nach Europa grundlegend. So soll das Asylrecht verschärft werden. So beschloss der Bundestag, die Residenzpflicht für Asylbewerber von drei auf sechs Monate zu verlängern, obwohl sie erst im Januar eingeschränkt wurde, weil sie Integration erschwert. Sie wird nicht dafür sorgen, dass weniger Menschen hierzulande Zuflucht suchen müssen.

Dafür müssten Fluchtursachen bekämpft werden. Im Fall Syriens wird auch darüber fleißig diskutiert: Ausgehend von der These, dass die Mehrzahl der Menschen aus Syrien vor der ISIS-Terrormiliz flieht, schlagen Politiker Verhandlungen mit dem syrischen Diktator Bashar al-Assad vor. Das wirft jedoch sofort die Frage auf, worüber ausgerechnet mit demjenigen verhandelt werden sollte, der seine Armee seit über vier Jahren mit äußerster Gewalt gegen jede, auch zivile, Opposition im Land vorgehen lässt?

In dieser Diskussion könnte ein Fehlschluss vermieden werden, wenn die Perspektive der Betroffenen einbezogen würde. Bisher wird viel über Flüchtlinge gesprochen, aber kaum mit ihnen. Mit einer ersten breit angelegten Befragung syrischer Flüchtlinge in Deutschland versuchen wir von Adopt a Revolution, diesen Umstand zu beheben. Unter wissenschaftlicher Begleitung wurden in den vergangenen Wochen fast 900 syrische Flüchtlinge befragt, um ihre Fluchtgründe besser zu verstehen und Handlungsoptionen für die internationale Gemeinschaft abzuleiten.

Anders als in der hiesigen Debatte nimmt die ISIS-Terrormiliz nicht den ersten Platz der Fluchtgründe ein. Rund doppelt so viele der Befragten machen das Assad-Regime und seine militärische Reaktion auf die ersten friedlichen Demonstrationen von 2011 als Hauptverantwortliche aus. Entsprechend ist die Rolle Assads bei der Bekämpfung von Fluchtursachen zentral. Eine Mehrheit der Befragten kann sich nur dann vorstellen, in ein friedliches Syrien zurückzukehren, wenn der Diktator gegangen ist. Doch die brutale Gewalt des Assad-Regimes als Hauptgrund für Vertreibung aus Syrien ist hier eher unterbelichtet.

Zudem geben fast drei Viertel der Befragten an, dass der Abwurf von Fassbomben eine Gefahr für Leib und Leben darstellten. Diese äußerst unpräzisen Bomben werden in Syrien nur von der Assad-Luftwaffe eingesetzt und sind seit über 18 Monaten vom UN-Sicherheitsrat geächtet. Entsprechend sagen fast sechs von zehn syrischen Flüchtlingen, dass eine Flugverbotszone es mehr Menschen ermöglichen könnte, in Syrien zu bleiben.

An dieser Stelle lässt sich das drastische Versagen der internationalen Gemeinschaft in Syrien deutlich ablesen: Anstatt ihre Resolution gegen Fassbomben durchzusetzen, sind mittlerweile vier von fünf ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrats selbst vor Ort mit Kampfflugzeugen im Einsatz. Wen wundert da, dass in Syrien niemand mehr an internationale Politik glaubt? Auf absehbare Zeit bleiben den Menschen vor Ort als Perspektiven für eine bessere Zukunft nur noch die kleinen lokalen Projekte der syrischen Zivilgesellschaft – oder eine Flucht nach Europa.

source : http://www.mittelbayerische.de/politik-nachrichten/warum-die-syrer-fluechten-21771-art1297256.html

date : 21/10/2015



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