Wie soll es weitergehen in Syrien? Wie lokale Stämme Staatsstrukturen aufgebaut haben, Asads Enklavenstaat, die Nahrungsmittelkrise in Syrien und das Kalkül mit chemischen Waffen zu drohen- Netzschau vom 14. Dezember – by Ansar

Article  •  Publié sur Souria Houria le 15 décembre 2012

Nachdem die „Syrische Nationale Koalition“ als legitimer Vertreter des Syrischen Volks anerkannt wurde, fragt Hassan Hassan vom Forum der Carnegie Stiftung „Sada“ (arab. Echo) nach der Rolle der lokalen Führung in Syrien. Alle bisherigen Führungsfiguren seien überwiegend Syrer, die im Ausland leben oder die nur behaupten, dass sie ihre lokale Gemeinde vertreten. Versuche einen repräsentativen Oppositionskörper zu bilden, hätten sich vor allem darauf beschränkt, zu schauen, dass alle Konfessionen, sozialen und politischen Gruppen vertreten sind. Umsichtiger wäre es, die lokalen Führer in Syrien in die Oppositionsarbeit einzubinden: „Local figures that have influence over communities—whether tribal, ethnic, religious, or business—are already playing an increasingly important role in organizing and mobilizing their communities for a post-uprising Syria.” Hassan Hassan zeigt, wie im Deir Ezzor die lokalen „Stämmen“ und „Stämmensverbänden“ eine beeindruckende Rolle bei der Entstehung lokaler Regierungsstrukturen spielen: „It is true that the Free Syrian Army and activists are leading the battles against the regime, but they generally follow the rules of their tribes.”

Wie soll es weitergehen in Syrien? Nachdem selbst der Vertreter des russischen Außenministers, Mikhail Bogdanov, am Dienstag äußerte (der Außenminister selberdistanzierte sich bereits von der Aussage), dass der Sieg der Rebellen absehbar sei, stellenJoshua Landis, Leiter des Nahost Zentrums der Universität Oklahoma, Raniah Salloum für den Spiegel und Nicholas Blanford für den Christan Science Monitor Zukunftsszenarien für Syrien vor.

 

Landis hat eine eher konfessionelle bis essentialistische Lesart des Konflikts in Syrien, in welcher eine sunnitische Mehrheit einer alawitischen Minderheit gegenübersteht. Dementsprechend schlägt er drei Modelle vor: das türkische, das irakische und das libanesische. Alles Länder, die die Erfahrung von Revolution und Bürgerkrieg durchlebt haben. Wohingegen die Türkei ihr „Minderheitenproblem“ (Landis) durch „ethnische Säuberung“ gelöst hat, hat im Irak lediglich eine soziale und politische Marginalisierung der ehemals führenden Sunniten stattgefunden. Da in Syrien unterschiedliche bewaffnete Milizen (zu ihnen zählt die syrische Armee selbst) kämpfen, hält Landis „das libanesische Model“ für das zu erwartende Zukunftsmodel.

 

Salloum präsentiert vier mögliche Szenarien: Sieg der Rebellen, Warlordisierung, Verhandlungen zwischen den agierenden Parteien, eine militärische Intervention des „Westens“.

 

Blanford hält r noch drei mögliche Optionen für Asad möglich: Wie angekündigt „zu leben und zu sterben“ in Syrien, Asyl in einem anderen Land zu suchen oder-und darauf scheint es hinauszulaufen- eine Enklave bestehend aus den Küstengebieten und den angrenzenden, überwiegend alawitischen, Bergregionen zu bilden. Blanford ist sehr differenziert und sieht diese Lösung als eher kritisch, da sie die Alawiten als monolithischen Block annimmt, der hinter Asad stünde. Viel eher wollen sich viele Alawiten nicht als „Geisel“ dieser Asad-Strategie halten lassen und sind der Opposition bereits beigetreten. Selbst in Asads Heimatstadt al-Qardaha sei es bereits zu Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen alawitischen Clans gekommen.

 

Von mehreren Seiten wird über die sich verschlechternde Nahrungsmittelsituation berichtet. Das Nahrungsmittelprogramm der UN berichtet über die Probleme der Brot-Versorgung in den am stärksten von den Auseinandersetzungen betroffenen Gebieten. Was für Auswirkungen der Brot-, Gas- und Ölmangel auf das Zusammenleben in Aleppo und Damaskus hat, diskutieren Anas Zarzar und Basel Dayoub in al-Akhbar. Aufgrund des Mangels an Benzin, sei der Transport stark eingeschränkt: „There is no longer any space for manners or public ethics. If you leave your space for a woman or old man to sit at the bus or any other means of transportation, you will remain waiting for hours for another change”.

 

Die Wirtschaftswissenschaftler Samer Abboud und Omar Dahi diskutieren mit Jiah Yazigi für die Carnegie-Stiftung die jetzige ökonomische Situation in Syrien und geben Ausblick auf die mögliche post-Asad Wirtschaftsordnung in Syrien, auch eine weitere Liberalisierung der syrischen Wirtschaft schließen sie nicht aus.

 

Tony Badran analysiert kritisch in Lebanon Now, warum Asads Drohungen chemische Waffen gegen oppositionelle Kräfte einzusetzen, eher zu Asad Machterhalt- als dem Gegenteil- beiträgt. Von Anfang an, habe Asad gewusst, dass die Drohung mit chemischen Waffen ihn davor bewahren würde, einem ähnlichen Schicksal wie Qaddafi zum Opfer zu fallen. Asad habe kalkuliert, dass so lange er diese Karte in den Händen hielt, er politisch relevant wäre. Dies sei vor allem der unkonkreten und wechselnden Haltung der Obama Administration zuzuschreiben: „[This] proved to Assad that playing around with chemical weapons could grab Obama’s attention as it seemed nothing else could, not even the deaths of tens of thousands of Syrians.” Denn die Angst der US-Administration sei nicht der Tod weiterer Menschen in Syrien, sondern, dass die Waffen in die „falschen“ Hände fallen. Dass die Waffen in Asads Besitz sind, scheint demnach nicht die ursächliche Besorgnis zu sein: „the problem was not the fact that these weapons were under the control of Assad, a man who had ordered the slaughter of Syrians, facilitated the killing of Americans in Iraq, supported terrorism throughout the Levant, and constructed a secret nuclear arms facility. Rather, the problem was the prospective loss of his control over these arms.”

source : https://www.adoptrevolution.org/wie-soll-es-weitergehen-in-syrien-wie-lokale-stamme-staatsstrukturen-aufgebaut-haben-asads-enklavenstaat-die-nahrungsmittelkrise-in-syrien-und-das-kalkul-mit-chemischen-waffen-zu-drohen-netzschau/

date : 14/12/2012



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